Archiv der Flucht - Geschichte/n von Flucht und Vertreibung nach Deutschland 

Archiv der Flucht: Interview mit FATUMA MUSA AFRAH

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Archiv der Flucht - Geschichte/n von Flucht und Vertreibung nach Deutschland 

Von Emily Thomey

Flucht ist keine Ausnahmeerscheinung, auch wenn sie gesellschaftlich immer noch stigmatisiert wird. Das Oral-History-Projekt Archiv der Flucht zeigt die Vielfalt der Menschen, die nach Deutschland fliehen.

"Wir schaffen das." Dieser Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel fasste 2015 die deutsche Willkommenskultur zusammen. Der Satz hat aber auch polarisiert, die Angst vor der sogenannten "Flüchtlingswelle2 intensiviert. Flucht nach Deutschland hat aber natürlich nicht erst 2015 begonnen. Sie ist kein neues Phänomen und viel zu oft werden die Stimmen derer, die aus erster Hand berichten können, was es heißt die eigene Heimat unter Zwang verlassen zu müssen, nicht gehört. Das Onlineprojekt Archiv der Flucht gibt jetzt 42 Menschen die Gelegenheit - im Internet und für alle zugänglich.

Interviews mit Geflüchteten

Die Interviewten sitzen alle vor der gleichen graublauen Wand. Wir sehen im statischen Bildausschnitt nur sie. Männer wie Frauen, unter 20jährige und über 80jährige, Schäfer und Professorinnen, Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, aus dem Iran, Chile, Vietnam, China, Eritrea - also sämtlichen Teilen dieser Welt. Alle werden ebenbürtig, nicht hierarchisch abgebildet, was für die Kuratorinnen Carolin Emcke und Manuela Bojadžijev zentral ist. Bojadžijev: "In unserer Gesellschaft pflegen wir einen Diskurs über Flucht, indem es zum Teil darum geht, dass manche Leute besser oder schlechter hierher passen, dass sie einen besseren oder schlechteren sozialen Hintergrund haben und wir die einen lieber haben möchten als die anderen. Das wollten wir nicht." Wer durch die Namen scrollt, findet viele unbekannte Namen und auch einige bekanntere, wie die Theatermacher:in Sasha Marianna Salzmann oder den Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2012 Yiwu Liao.

Hintergründe und Fluchtrouten werden gezeigt

Das Archiv zeigt über die direkten Interviews die zentralen Fluchtströme und die Konflikte dahinter. So detailliert gibt es selten die Chance Menschen zuzuhören, die geflohen sind. Alle 42 Interviewten stellen sich vor, erzählen von ihrer Kindheit, von ihrer Flucht und von ihrem Leben danach, hier in Deutschland. Sie durften selbst entscheiden, wie lange sie reden. Nicht alles, was gesagt wurde, wird gezeigt, weil die Erfahrungen natürlich auch traumatisierend waren, wie Bojadžijev erzählt: "Es ist nicht immer leicht gewesen. Es gab auch sehr, sehr schöne Momente. Wir haben aber auch Situationen erlebt, wo selbst die Kameraleute geweint haben und die Gespräche unterbrechen mussten, weil es eben angemessen war." Zusammen mit Emcke und einem Team aus Expertinnen und Experten hat Bojadžijev über fünf Jahre das Vertrauen der Beteiligten gewonnen.

Historischer Wandel der Fluchtthematik

Über die vielen Gespräche werden die historischen Veränderungen deutlicher hörbar. Die Restriktionen, die 1993 im Asylrecht eingeführt wurden, haben Flucht seitdem viel schwerer gemacht. Es zeigt sich, dass die Menschen nicht nur die Flucht gemeistert haben, sondern auch noch gesellschaftlich relevante Arbeit leisten, sich sozial und politisch engagieren. Und das, obwohl viele schreckliche Erfahrungen gemacht haben - nicht nur auf der Flucht, sondern auch hier in Deutschland.
Nichts ist so stark wie die direkte Erzählung in einem eins zu eins Gespräch - danach kann niemand mehr behaupten, jemand würde das Asylrecht oder Sozialsysteme ausnutzen, was ja viel zu oft noch behauptet wird. Das Archiv will sicher stellen, dass Flucht nicht als Ausnahme wahrgenommen wird und unterstreichen, dass es gesellschaftlich und politisch eine konstruktive Haltung für den Schutz von Menschen braucht, die hierherkommen müssen. Das gelingt, auch wenn die Entscheidungstragenden sich die vielen Stunden vermutlich nicht anschauen werden. Mit dem Archiv der Flucht kann jeder:jede Einzelne von uns, Teil der Debatte werden.

Stand: 29.09.2021, 10:00