"Das Rauskommen ist schwer. Es ist wie Treibsand" - Langzeitdoku "Another Reality"

Another Reality - Videostill aus der Doku, Dreiergespräch im Kiosk

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Das Rauskommen ist schwer. Es ist wie Treibsand" - Langzeitdoku "Another Reality"

Von Emily Thomey

Dicke Autos, gut gepflegte Bärte und jede Menge Cousins. Die Dokumentation "Another Reality" zeigt den Alltag von fünf Männern aus Essen oder Berlin.

Sie alle sind in größere Familienstrukturen eingebettet, sie alle haben schon illegale Dinger gedreht oder waren sogar schon im Knast. Und sie alle erzählen offen, warum sie tun, was sie tun. „Another Reality“ kommt erst im November in die Kinos, aber arte zeigt jetzt schon eine gekürzte Version der preisgekrönten Dokumentation. Alle fünf deuten immer nur an, worum es geht: Drogen, Einbrüche, manche verleihen auch einfach nur Autos für andere, die damit dann illegale Dinger machen. Aber klar ist, dass das große und vor allem schnelle Geld sich nur so machen lässt: "Wenn man alleine ist, mit dem ein oder anderen Cousin, redet man: ‚Wann willst du mal endlich legal dein Brot verdienen?’ Natürlich sagen sie immer: ‚Ja, hast Recht, hast Recht‘, aber 20 Minuten später kriegen sie wieder einen Anruf, einen lila Schein mehr. Dafür ist die Verlockung viel zu hoch."

Lebendig begraben im Knast

Ein paar lila Scheine, also 500 Euro-Scheine, auch wenn es die nicht mehr gibt, in wenigen Stunden zu verdienen, damit lässt sich dann leichter der Traum vom dicken Auto erfüllen. Genauso greifbar nah sind aber auch die Erfahrungen aus dem Gefängnis, von denen einige erzählen oder sogar erschossene Freunde, die in Gangschießereien gestorben sind. Die Männer erzählen ganz offen von ihrem Alltag und sie zeigen sich alle sehr eitel: Alle gehen pumpen im Fitnessstudio, wir sehen sie beim Friseur oder wie sie mit Schusswesten aufgeplustert auf der Bühne harte Lines rappen. Aber immer wieder scheint auch durch, dass der Knast mit das Schlimmste ist, was einem passieren kann, wie Kianush erzählt: „Du bist tot in dem Moment. Lebendig begraben. Wenn du reinkommst und es macht klack. Du bist eigentlich in einem Klo, weil das Klo ist offen im Raum. Und dann denkst du, ich bin jetzt in einem Klo und muss hier die nächsten drei Jahre leben.“

Another Reality - Videostill aus der Doku, Dreiergespräch im Kiosk

Schwieriger Aussieg

Auszusteigen aus dem kriminellen Leben ist aber nicht leicht, sagt Sinan: §Ich bin ja jetzt nicht nur ein Jahr kriminell gewesen oder war auf der dunklen Seite der Macht. Ich war mein ganzes Leben da. Irgendwann verfängst du dich. Das Rauskommen ist schwer. Es ist wie Treibsand: Wenn du einmal drin bist und kein Seil hast, woran du dich festhalten kannst, dann gehst du unter." Es bleibt letztlich offen, wer wirklich jetzt legal sein Geld verdient - aber ein paar haben den Absprung auch geschafft, wie PA Sports, der mit seiner Musik erfolgreich ist.

Eine andere Realität

Der Titel der Doku lautet "Another Reality" - übersetzt eine andere Realität. Das kann sich auf die Gefängniserfahrungen der Männer beziehen. Aber nicht nur, denn Ahmad erzählt auch davon, dass im Falle von Streit und Konflikte eigene Friedensrichter gerufen werden: "Ein ganz neutraler, etwas älterer Herr hört sich die ganze Sache an und schickt keinen in den Knast, sondern sorgt dafür, dass der Streit durch Abfindungen gelöst wird und vor Gericht keine der Parteien etwas sagt."
Die Filmemacher*innen haben die Männer über drei Jahre begleitet und zeichnen ein echt spannendes Porträt der eigenen Welten, in denen die Männer leben. Hier herrschen andere Gesetze und Regeln und wir können als Zuschauer*innen wie Kumpels daneben sitzen, wenn darüber geredet wird.

Stand: 05.08.2020, 10:00