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"Am Anschlag" - Warum Menschen zu Amokläufern werden

ZDFneo Serie: "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung" - Collage mit den sechs Protagonisten der Serie

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

"Am Anschlag" - Warum Menschen zu Amokläufern werden

Von Emily Thomey

Was bringt einen Menschen dazu, zur Waffe zu greifen und Amok zu laufen? Die ZDFneo-Dramaserie "Am Anschlag" erforscht den Kränkungsprozess, der zu solchen Katastrophen führt.

Schüsse in einem Einkaufszentrum. Die Polizei ermittelt. Noch ist unklar, wer die Waffe abgefeuert hat. Die "Sunshine City"-Shoppingmall, die Tatort dieses Amoklaufs ist, gibt es nicht, aber die Bücher des Psychiaters Reinhard Haller, die der Serie "Am Anschlag" als Inspiration dienen. Haller taucht auch selbst in der Serie in einem Fernsehausschnitt auf, in dem er sagt: "Eine solche Tat kommt nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern sie hat eine lange Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte heisst Kränkungsprozess."
Wie genau dann dieser Kränkungsprozess aussehen kann, dass dekliniert die Serie anhand von fünf Personen durch, die wir im Laufe der Serie kennenlernen und die alle eben vielfach gekränkt wurden. Diese Kränkungen werden dann aber nicht didaktisch vermittelt, sondern als ganz normale Serienerzählung über sechs Folgen hinweg.

"Vorgeschichte heisst Kränkungsprozess"

Eine der Personen wird am Ende schießen und das ist der Spannungsbogen, der uns durch die Serie trägt: Wer wird es sein? Wer wird die vielen Kränkungen nicht mehr verpackt kriegen und ausrasten? Da wäre beispielsweise Georg, dessen Partnerin Eva bei einem Unfall ihr Augenlicht verloren hat und der versucht in der Security Firma des Einkaufszentrums aufzusteigen. Beim ersten Bewerbungsgespräch wird Georg von seinem Chef kritisch gemustert. Er sei noch nicht lange bei der Firma. Es könne gut sein, dass die Firmenleitung auf jemanden jüngeren setzt. Und bevor Georg zur Sicherheitsfirma gekommen wäre, sei es bei ihm ja nicht so rund gelaufen. Diverse Job da und dort. Davor zehn Jahre als Roady unterwegs. Solche abwertenden Situationen reihen sich bei Georg aneinander: Einer seiner Kollegen will den gleichen Job wie er und triezt Georg ständig, seine Freundin Eva ist depressiv und zweifelt an der Beziehung und dann geht ein Video, in dem es so aussieht als würde Georg einen Ladendieb zu hart anpacken, auch noch viral. Ähnlich ergeht es auch den anderen Charakteren in der Serie, die die wenigen Tage vor dem Anschlag erzählt.

Vor allem die Art wie die Schauspielenden agieren, funktioniert gut. Mein Favorit ist jener Georg, gespielt von Murathan Muslu. Der Österreicher ist schon in einigen Serien zu sehen gewesen - besonders überzeugend fand ich ihn als Labelchef in der Netflix-Serie "Skylines" über ein fiktives HipHop-Label in Frankfurt am Main - und eben hier als Georg. Aber auch die anderen spielen glaubhaft miteinander. Die Story hat ordentlich Sog, aber natürlich ist es schwer mit anzusehen, wie all diese Menschen ständig Kränkungen erleben. Ihre Leben sind voll von Machtmissbrauch, Mobbing und auch selbstzerstörerischen Handlungen - das ist schwer zu ertragen. Dass das nicht ohne geht, ist aber auch klar: Es geht in der Serie ja schließlich im Kern um Kränkung.

Stand: 25.08.2021, 06:00