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Ironie in der Tragödie - Das taiwanesische Familiendrama "A Sun"

Screenshot: "A Sun" - die Familie

Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV

Ironie in der Tragödie - Das taiwanesische Familiendrama "A Sun"

Von Christian Werthschulte

Eigentlich würde man "A Sun" nur in kleinen Programmkinos sehen. Aber weil die Corona-Pandemie dieses Jahr alles durcheinander bringt, läuft der taiwanesische Beitrag zu den Oscars schon jetzt im Netz. Regisseur Chung Mong-Hong zeigt darin ein Familiendrama um zwei Brüder, die von ihrem Vater, Herr Chen, sehr unterschiedlich behandelt werden.

"Euer Ehren. Wenn sie meine Meinung wollen, dann sage ich Ihnen, dass wir bei seiner Disziplinierung versagt haben",  sagt Chen über seinen Sohn A-Ho. "Auch künftig wäre sie erfolglos. Ich hoffe, in der Haft lernt er Disziplin."  A-ho steht in diesem Moment vor Gericht, weil er daran beteiligt war, wie jemandem die Hand abgehackt wurde. Deshalb wir wird er zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Zwei unterschiedliche Brüder

Sein Bruder A-Hao ist dagegen der Liebling des Vaters, ein fleißiger Schüler, der gerade für seine Zulassung zum Medizinstudium lernt. An diesen Erwartungen zerbricht A-Hao – und bringt sich um. In seinem Abschiedsbrief sagt er, dass er nicht immer ein Mustersohn, "eine Sonne", sein kann – daher der Film des Titels. Für Herrn Chen und seine Familie ist das ein Schock, aber nicht der einzige. Der Vater des Opfers will Schadenersatz und verteilt dafür Gülle vor der Fahrschule, in der Mr Chen arbeitet. Außerdem zieht noch eine junge Frau bei ihnen ein, die mit A-Hos Kind schwanger ist. Dadurch wird Frau Chen selbstbewusster und will ihren eigenen Laden eröffnen. Und dann kommt auch noch A-Ho aus dem Knast. Er arbeitet in zwei Jobs, um Geld für sein Kind zu verdienen. Aber sein Vater meidet den Kontakt mit ihm, weil er nicht glauben kann, dass sich sein Sohn verändert hat.

Was tun, wenn das Weltbild zusammenbricht?

Chung Mong-Hong hat dies zum Hauptmotiv von "A Sun" gemacht: Wie geht man damit um, wenn das eigene Weltbild zusammenbricht? Der Film beantwortet diese Frage mit Ironie. Am deutlichsten zeigt sich das beim störrischen Herrn Chen, dessen Lebensmotte "Nutze den Tag" seine Frau wütend macht. "Wiederhol diesen Spruch nicht ständig. 'Nutze den Tag, wähle deinen Weg.' Im Ernst? Für uns ist dieser Spruch jedes Mal ein Scherz", entgegnet sie ihm.
Dieser Kontrast zwischen Kalenderspruchweisheiten und den Schwierigkeiten des Alltags, zieht sich durch "A Sun". In vielen Szenen sind Kalendersprüche auf Plakaten oder Hauswänden zu sehen, vor denen sich dann Ereignisse abspielen, die das  Gegenteil dieser Sprüche sind. "A Sun" zeigt den Zusammenbruch eines Weltbilds, aber ohne künstliches Drama, sondern mit subtilem Humor.

Stand: 16.12.2020, 10:00