Live hören
Jetzt läuft: Voyage Interieur von Michael Mayer feat. Miss Kittin

Nichts für Zartbesaitete

Cover von Matteo Strukuls "Mila - Bete, dass die Polizei dich zuerst findet": Frau mit Schwert und knallroten Haaren auf rotem Cover

Noller liest

Nichts für Zartbesaitete

Von Ulrich Noller

Harter Krimi-Stoff aus Italien und aus Frankreich: "Mila - Bete, dass die Polizei dich zuerst findet" von Matteo Strukul und "Der Block" von Jérôme Leroy.

Schon erstaunlich, wie im Pulp-Noir die - im Prinzip - immer gleiche Story - mit Hilfe kleiner Details - immer wieder neu erzählt werden kann. Ein Beispiel dafür: Der Italiener Matteo Strukul mit seinem kleinen, krassen Roman "Mila - Bete, dass die Polizei dich zuerst findet" (Suhrkamp, 8,99 Euro).

In Norditalien, genauer gesagt: in Padua, herrscht das organisierte Verbrechen mit zügelloser Grausamkeit, dagegen ist kein Kraut gewachsen - bis eben jene Mila auftaucht, die plötzlich mit Hirn, Fäusten und einem Schwert mitmischt im Kampf zwischen alteingesessenen Mafiafamilien und den chinesischen Triaden, die auf demselben "Markt" nach Profiten suchen. Keiner weiß, wer sie ist, niemand ahnt, woher sie kommt und was sie bewegt - Tatsache ist: Mila mischt nicht nur mit, sie mischt die Szene auf, und zwar nach ihren eigenen Bedingungen. Ihre Bedingungen sind letztlich ganz simpel: Tod für alle die, die den Tod verdient haben.

Die Frage ist da bloß noch, auf welche Weise die fiesen Jungs das Zeitliche segnen werden - und wie Matteo Strukul seine Heldin diese Frage in Tat und Wort beantworten lässt, das hat Witz und Klasse. Mila, diese extrem gewitzte und sehr kaltblütige junge Frau, eine Art alternative Superheldin, ist mal ein ganz anderer Racheengel, mit ihren knallroten Dreads würde sie eher auf einer Autonomendemo unauffällig bleiben denn im Metier des organisierten Verbrechens. Das macht den Unterschied. Und genau das ist die demonstrative Pointe im Zentrum dieses zeitgenössischen, schrägen, schrillen Pulp-Romans, der das Rad zwar nicht neu erfindet, aber schön weiterdrehen lässt - knallige Unterhaltung für Hartgesottene.

Matteo Strukul, geboren 1973, ist promovierter Jurist, er lebt in Padua und in Berlin. In seiner Heimat ist er schon bekannt, hierzulande kann man ihn noch entdecken. Ein weiterer spannender Autor aus Italien, der die Strukturen des Verbrechens dort konzentriert und knapp grell ausleuchtet, wunderbar.

Cover von Jérôme Leroys Buch "Der Block": Ein Glatzkopf vor einer wehenden französischen Flagge

"Der Block" von Jérôme Leroy

So ein knalliger Pulp-Noir mit Comic-haften Zügen ist natürlich "nur" ein Spiel; eine Art und Weise, den nicht ganz so lustigen Geschehnissen der Realität etwas entgegen zu setzen, ihr den (Zerr-)Spiegel vorzuhalten, und zwar mit den Mitteln der Überspitzung. Kann man machen. Ganz anders dagegen die erzählerische Strategie, die der Franzose Jérôme Leroy mit seinem Roman "Der Block" (Edition Nautilus, 19,90 Euro) verfolgt. Leroy erzählt die Geschichte der radikalen Rechten Frankreichs, indem er recherchierte "Realität" kompiliert und fiktionalisiert, er macht aus den politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten einen Krimi, den man auch als Schlüsselroman lesen kann. Auch hier Zuspitzung also und Verdichtung, allerdings ohne das spielerische Element, sondern: ganz "ernsthaft". Mit bitterem Ernst, wenn man so will. Und was Leroy da zusammengetragen hat, das hat es wirklich in sich - eine Story, die mitten ins Herz der Zeit trifft.

Zwei Männer stehen im Zentrum der Geschichte, die im Kern nicht einmal 24 Stunden umfasst, sondern im Prinzip bloß einen Abend und den darauf folgenden Morgen erzählt: Aufstände in den Vorstädten und zum Teil bürgerkriegsähnliche Zustände haben Frankreich so destabilisiert, dass die konservative Regierung mit dem "Block" über einen Regierungseintritt verhandelt, zehn Ministerien sollen an die Radikalen gehen. Während Agnès, die Parteichefin, die Nacht durch verhandelt, wartet Antoine, ihr Mann, ein radikaler Publizist, angehender Staatssekretär oder Minister, auf das Ergebnis - und zugleich wird sein alter Kumpel Stanko auf Leben und Tod durch Paris gejagt. Wobei "Leben" eigentlich keine Option ist, der Gejagte muss sterben, und er wird sterben, die Frage ist nur: wo und wie? Stanko, der ehemalige Sicherheitschef, ist der Preis, den der "Patriotische Block" für den Regierungseintritt zu bezahlen hat, der zukünftige Koalitionspartner fordert - natürlich off records - seinen Kopf, eine seiner Taten war die eine zuviel, und Antoine kann seinem alten Kumpel nicht helfen. Den Verlauf der Nacht erzählt Jérôme Leroy abwechselnd aus beider Perspektiven - und mit vielen Rückblicken in die Lebensläufe der beiden, auch: auf ihre gemeinsame Geschichte. Eine Geschichte, die vor allem von einem geprägt ist: Exzessiver Gewalt - häufig, aber nicht unbedingt ausschließlich gegenüber politischen Gegnern.

Die Lust an der Gewalt ist also die Schnittmenge dieser ungewöhnlichen "Freundschaft". Antoine, der aus dem Bürgertum stammt, und Stanko, ehemaliger Skinhead, Kind der Arbeiterklasse, werden als zwei Charaktere gezeichnet, die auf verschiedene Weise eigentlich nichts weiter interessiert, als der Untergang der anderen, speziell der Linken und der Muslime aller Art natürlich. Ein Schlüsselroman ist die Geschichte, die auf diese Weise erzählt wird, deshalb, weil ein Teil der Geschehnisse, die Jérôme Leroy in seinem Roman aufarbeitet, sich so oder ähnlich tatsächlich ereignet haben. In Frankreich erschien "Der Block" 2011, angesichts der anstehenden Präsidentschaftswahlen mit guten Umfragewerten für den Front National ist das Buch auch 2017 hoch aktuell: Eine packende Milieustudie, durchzogen vom Nihilismus ihrer Protagonisten - aber auch ein verdammt gut geschriebener Kriminalroman im Stil des typisch französischen "Neopolar". Auf jeden Fall einer der interessantesten Krimis des Frühjahrs, unbedingt lesenswert.

Noller liest - Nichts für Zartbesaitete

COSMO | 01.03.2017 | 05:45 Min.

Stand: 01.03.2017, 11:57