Viele Zahlen, viel Geld und wenig Musik

Musikbusiness, Charts, Goldene Schallplatte

1LIVE Plan B - Musikbusiness Spezial

Viele Zahlen, viel Geld und wenig Musik

Wer auf Platz 1 der Charts ist, hat auch die meisten Platten verkauft. Oder: Früher war alles besser für Musiker. Was stimmt, was nicht? Wir haben mit Künstlern wie den Beginnern, SXTN und Wirtz über die Musikindustrie gesprochen - aber auch mit Experten.

In Deutschland hat die Musikwirtschaft einen Umsatz von 1,593 Milliarden Euro im vergangenen Jahr erzielt. Wie in vielen anderen Bereichen, wird der Markt von einigen wenigen Unternehmen bestimmt. 69% des Marktes gehören den drei Major-Labels Universal, Sony und Warner. Die überwiegende Mehrheit der Top 20 Charts besteht aus Künstlern, die in irgendeiner Form zu diesen drei gehören.

Musikbusiness in Zahlen

Der digitale Markt wiederum wird von Apple, YouTube und Spotify beherrscht. Eigentlich könnte man hier aufhören und sagen: Musik ist eine einfache Ware - wer sich in das Business begibt, wird von einigen Konzernen ausgebeutet und jeder Idealismus und jede Romantik ist vergebens. Aber stimmt das wirklich? Wir haben uns einige der gängigsten Klischees geschnappt und sie überprüft.

1LIVE Plan B - Musikbusiness Spezial

1LIVE | 11.12.2017 | 23:58 Min.

Eine viertel Millionen Streams und immer noch nichts zu essen.

Wer als Musiker regelmäßig tourt und CDs veröffentlicht, sollte doch eigentlich richtig gut Kasse machen - das denkt man. Nur kaufen immer weniger Leute CDs, weshalb der digitale Verkauf und das Streaming immer wichtiger werden. Mit einem Wachstum von über 70 Prozent im vergangenen Jahr und einem Anteil von fast einem Viertel des Gessamtumsatzes ist das Streaming für das Musikbusiness inzwischen die zweitstärkste Einnahmequelle. Tatsächlich verdient ein Künstler beim Streaming aber kaum etwas – es sei denn man ist Ed Sheeran. Er ist mit 6,3 Milliarden Streams dieses Jahr der am meist gestreamte Künstler auf Spotify.

Musikbusiness in Zahlen

Pro Stream bekommt ein Künstler 0,0029 bis 0,010 Cent pro Stream (Der Betrag hängt stark von der Situtaion des Künstlers ab: Ist er unabhängig, bei einem Label etc.?). Um damit auf ein Existenzminimum von 1100 Euro pro Monat zu kommen, müsste ein Künstler bei einem Vergleich von uns rund 254.630-mal gestreamt werden und das jeden Monat. Für Ed Sheeran, Peanuts. Für alle anderen gibt es ziemlich wenig Geld, für eine ziemlich hohe Anzahl von Streams. Übrigens, damit ein Stream überhaupt gewertet wird, muss ein Song, beispielsweise bei Spotify, mindestens 31 Sekunden lang gespielt werden.

70 Prozent ihrer Einnahmen zahlen Streaming-Dienste an Labels und Verlage aus. Das Geld aus dem Streaming fließt übrigens nicht direkt zum Künstler, hat uns Desiree Vach vom Verband der unabhängigen Musikunternehmen erzählt:

"Der Streaming-Dienst zahlt an den Vertrieb, der zieht sich seine Vertriebsmage ab (meist um die 20%), und zahlt das Restgeld an die Plattenfirma. Dann kommt es auf den Vertrag des Künstlers an, wieviel Geld am Ende dann bei ihm landet."

Im besten Fall alles, wenn der Künstler  - wie zum Beispiel der Musiker Wirtz - sein eigenes Plattenlabel hat. Wie die Situation für Künstler ohne großes Label aussieht, welche anderen Einnahmequellen Künstler haben und wieviel ein Play im Radio bringt erfahrt ihr in unserem Podcast.

"Wer auf Platz eins der Charts landet, hat auch die meisten Platten verkauft."

Bis 2007 galt diese Regel. Seitdem aber werden die Charts nicht mehr nach Plattenverkäufen, sondern umsatzbasiert berechnet. Will sagen: Wer am meisten Geld mit seiner Musik umsetzt, steht ganz oben. Die Änderung war nötig, weil die Mindestpreisregelung beim CD-Verkauf aufgehoben wurde – Tonträger könnten also theoretisch zu einem Cent in großen Mengen verscherbelt werden.

Diese Charts-Regelung führt inzwischen aber zum umgekehrten Effekt. Künstler verkaufen nicht extra günstig, sondern extra teuer. Um bei dieser Umsatzberechnung einen Vorteil zu erzielen, kamen in den letzten Jahren immer mehr sogenannte "Fan Boxen" auf den Markt. Diese dürfen bis zu 50 Euro kosten, mehr allerdings nicht, um in den Charts gewertet zu werden. Das bedeutet: Für den gleichen Umsatz, der mit dem Kauf einer Box erreicht wird, müssten 5000 Songs vom selben Album gestreamt werden oder viermal die normale CD gekauft werden.

"Früher war alles besser."

Vor 20 Jahren endete das goldene Zeitalter im Musikbusiness, wobei besser gesagt: das silberne. Mit der CD hat die Plattenindustrie nämlich 1997 ein letztes Mal extrem Gewinn gemacht - fast 3 Milliarden Euro. Demensprechend riesige Vorschüsse an Künstler gab es, zumindest manchmal. Aber alles war auch nicht super, erinnert sich Eizi Eiz aka Jan Delay von den Beginnern:

"Das war wirklich teilweise so klischeemäßig wie in einem schlechten Drehbuch, es war wirklich so, dass da irgendwelche vollgekoksten, versoffenen Plattenfirmen-Typen mit einem schlechten oder einem BWLer-Musikgeschmack darüber entschieden haben, was jetzt groß gemacht wird und was nicht."

Diese Abhängigkeiten sei heutzutage nicht mehr so extrem, so Jan Delay. Übers Netz haben Künstler viel mehr Möglichkeiten, eigene Musik zu veröffentlichen oder auf sich aufmerksam zu machen. So haben sich zum Beispiel Milky Chance oder Oh Wonder ihre erste Fanbase selbst aufgebaut. Mittlerweile sind beide aber bei großen Major-Labels.

Während die CD langsam an Bedeutung verliert, ist Vinyl wieder "schwer" im kommen.

Musikbusiness in Zahlen

Quelle: VUT/BVMI 2010.

Naja, sagen wir mal geht so. Denn trotz enormen Zuwachs um bis zu 50 Prozent, liegt der Vinylmarktanteil nur bei grade einmal 5 Prozent. Das ist verschwindend gering, im Gegensatz zur CD. Bei ihr lag der Marktanteil im ersten Halbjahr dieses Jahres bei 44,7 Prozent.

Stand: 07.12.2017, 13:19