Werkeinführung: Engel und Skandale - Kompositionen des Wiener Kreises um 1900

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Kurz und Klassik: Arnold Schönberg - Kammersinfonie Nr. 1 E-Dur op. 9 WDR Sinfonieorchester Video 01.02.2021 05:14 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR 3

Werkeinführung: Engel und Skandale - Kompositionen des Wiener Kreises um 1900

Von Matthias Corvin

Alma Mahler-Werfel

Alma Mahler-Werfel

Alma und Gustav Mahler waren ein ungleiches Paar. Ihrer Hochzeit am 2. März 1902 in der Wiener Karlskirche folgte bald Ernüchterung. Vor der Verbindung warnten bereits enge Freunde. So schrieb der Dirigent Bruno Walter damals: "Er ist 41 und sie 22, sie eine gefeierte Schönheit, gewöhnt an ein glänzendes gesellschaftliches Leben, er so weltfern und einsamkeitsliebend."

Alexander Zemlinsky, ca. 1900

Alexander Zemlinsky, ca. 1900

Alma Schindler (1879 – 1964) stammte aus einer Künstlerfamilie: Ihr Vater war Maler, ihre Mutter Sängerin. Als ihr leiblicher Vater starb, war sie gerade 13 Jahre alt. Zu ihrem Stiefvater, dem Jugendstilmaler Carl Moll, hatte sie kein gutes Verhältnis. Dieser war als Mitbegründer der Wiener Secession allerdings eine treibende Kraft der aktuellen Kunstszene. Viele Kreative lernte die junge Alma in ihrem Elternhaus kennen, so den Maler Gustav Klimt. In diesem Umfeld entwickelte sich ihre künstlerische Begabung. Sie galt als hervorragende Pianistin und hatte unter anderem Kompositionsunterricht bei Alexander Zemlinsky (1871 – 1942), mit dem sie eine kurze und stürmische Liebesaffäre verband. In diesem Konzert erklingt Zemlinskys Vokal-Ballade "Waldgespräch" (1895) nach Joseph Freiherr von Eichendorff. Der Komponist legt das bereits von Robert Schumann als Klavierlied vertonte Gedicht ebenso atmosphärisch-kammermusikalisch wie dramatisch an, nutzt ein um zwei Hörner und Harfe erweitertes Streichorchester. So gewinnt die nächtliche Begegnung eines Reiters mit der Sagengestalt Loreley deutlich an Farbkraft, unter anderem durch den Einsatz der Solo-Violine.

Späte Wiedergutmachung

Schon vor ihrer Hochzeit untersagte Gustav Mahler seiner Verlobten das Komponieren, da er solch ein "Rivalitätsverhältnis" einfach "lächerlich" fand. Ende des Jahres 1901 schrieb er an sie: "Aber dass Du so werden musst, wie ich es brauche, wenn wir glücklich werden sollen, mein Eheweib und nicht mein College – das ist sicher!" Ein klares Rollenverständnis und der Auftakt einer bis in Mahlers Todesjahr 1911 kriselnden Ehe. Gustav Mahler erkannte später, wie sich sein Kompositionsverbot auf seine Frau auswirkte. Als eine Art Wiedergutmachung gab er daher 1910 bei der Wiener Universal Edition ihre bereits 1900 und 1901 entstandenen Fünf Lieder heraus, nach Texten von Richard Dehmel, Otto Erich Hartleben, Otto Julius Bierbaum, Rainer Maria Rilke und Heinrich Heine.

Es handelt sich um klangvolle und hochkarätige Klavierlieder im Stil der Wiener Spätromantik, sicher inspiriert von ihrem Lehrer Zemlinsky. Alma Schindler kreiert blühende Melodiebögen über raffinierter Harmonik. Zwei opulenten Gesängen ("Die Stille Stadt" und "In meines Vaters Garten") folgen drei filigran ausgearbeitete Lieder. Der finnische Dirigent und Komponist Jorma Panula hat sie sensibel orchestriert und 2003 erstmals mit der Sängerin Lilli Paasikivi auf CD eingespielt.

Musizierende Engel

Aus den noch glücklichen ersten Ehejahren stammt Gustav Mahlers (1860 – 1911) fünfte Sinfonie, komponiert ab 1901 im idyllischen Maiernigg am Wörthersee, wo das Paar die Sommermonate verbrachte. Darin findet sich mit dem Adagietto einer der berühmtesten Mahler-Sätze, gespielt lediglich von Streichern und einer Harfe. Das Instrumentarium lässt an jene musizierenden Engel denken, die auch die Wiener Jugendstil-Kunst eines Gustav Klimt kennt. Dieses Adagietto steht zwar in Dur, verströmt aber eine melancholische Aura mit zahlreichen Seufzern. Der lyrische Melodiebogen in diesem Satz ähnelt einem Gesangsstück, bemerkt wurde etwa die Nähe zu Mahlers Rückert-Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen" (1901). Hingegen deutet der mit dem Komponisten befreundete niederländische Dirigent Willem Mengelberg das Adagietto aus der am 18. Oktober 1904 im Kölner Gürzenich uraufgeführten Fünften als Liebesgruß an Mahlers junge Frau Alma.

Lieder spielen in Mahlers Schaffen eine große Rolle. Besonders inspirierte ihn die Sammlung "Des Knaben Wunderhorn. Alte Deutsche Lieder" (erschienen 1806 – 1808). Die Dichter Achim von Arnim und Clemens Brentano hatten diese volkstümlichen Texte in ganz Deutschland aufgelesen. Dafür werteten sie alte Chroniken, Almanache und Gebetbücher aus. Gustav Mahler vertonte insgesamt 24 der Lieder, nicht nur in den sogenannten "Liedern und Gesängen aus 'Des Knaben Wunderhorn'", sondern auch in der zweiten, dritten und vierten Sinfonie sowie in seinen "Liedern und Gesängen aus der Jugendzeit".

Gustav Mahler

Gustav Mahler

Drei der Wunderhorn-Lieder dieses Programms – "Ablösung im Sommer","Starke Einbildungskraft" und "Selbstgefühl" – stammen aus der frühen Sammlung "Lieder und Gesänge" (1880 – 1889). Diese Klavierlieder erklingen in der Orchesterbearbeitung des in Berlin lebenden Komponisten Detlev Glanert aus den Jahren 2013 und 2014. Die anderen drei Lieder hat Mahler selbst orchestriert; sie finden sich in den späteren "Fünfzehn Liedern, Humo-resken und Balladen aus 'Des Knaben Wunderhorn'" (1892 – 1901)

Schon zu Mahlers Lebzeiten beliebt war daraus das "Rheinlegendchen" mit seiner charmanten Ländlermelodie. Tänzerisch gibt sich auch das walzerartige "Wer hat dies Liedlein erdacht" mit seinen langen Koloratur-Ketten am Strophenende. Zu den volksmusikalischen Liedern gehört außerdem das mundartliche Zwiegespräch "Verlorne Müh’". Mahler gibt solchen Gesängen stets eine zweite Ebene mit auf den Weg, indem er die Harmonik oder die Begleitung als bewussten Kontrapunkt zur Singstimme gestaltet.

Arnold Schönberg - Komponist

Arnold Schönberg

Als junger Mann komponierte der Mahler-Freund Arnold Schönberg (1874 – 1951) zehn Walzer für Streichorchester (1897). Er war damals Musiker im 30-köpfigen Amateurorchester "Polyhymnia", in dem er nach Auskunft seines dort dirigierenden Lehrers Alexander Zemlinsky "als ebenso feurig wie falsch spielender Cellist" mitwirkte. Die vermutlich für dieses Ensemble verfassten Walzer stehen in bester Schubert-Tradition, gehören allerdings zu Schönbergs wenig bekannten Werken.

"Wilde, ungepflegte Demokratengeräusche"

Einen ganz anderen Stellenwert nimmt da seine Kammersinfonie Nr. 1 op. 9 ein. Ihre eröffnende Quarten-Fanfare gilt als eine Art Aufbruchssignal der Neuen Musik. Wie der ungewöhnliche Titel verrät, kombiniert das Werk zwei bislang strikt voneinander getrennte Welten: Sinfonie und Kammermusik. Damit wandte sich Schönberg vom großen Umfang spätromantischer Werke ab und setzt auf ein gemischtes Ensemble aus (Holz-)Bläsern und Streichinstrumenten. Die Besetzung sorgt für klangliche Prägnanz und Transparenz. Durch den unterschiedlichen Charakter der Instrumente sind alle Stimmen klar heraushörbar. Jede*r der solistisch geforderten 15 Musiker*innen nimmt am musikalischen Geschehen teil, ist gleich wichtig. Die Wiener Uraufführung am 8. Februar 1907 mit dem Rosé-Quartett und Mitgliedern des Wiener Hofopernorchesters wurde allerdings zum Skandal. "Viele stahlen sich vor Schluss dieses Stückes lachend aus dem Bund, viele zischten und pfiffen", berichtete das "Illustrierte Wiener Extrablatt". Überhaupt mache Schönbergs Komposition, so ist dort weiter zu lesen, "wilde, ungepflegte Demokratengeräusche, die kein vornehmer Mensch mit Musik verwechseln kann". Heute gehört seine erste Kammersinfonie freilich zu den unumstößlichen Klassikern des frühen 20. Jahrhunderts.

Stand: 06.02.2021, 08:00