Werkeinführung: Johannes Brahms - Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a

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Johannes Brahms - Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a WDR Sinfonieorchester Video 17.01.2020 18:54 Min. Verfügbar bis 29.01.2025 WDR 3

Werkeinführung: Johannes Brahms - Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a

Von Volker Tarnow

  • Cristian Măcelaru leitet das WDR Sinfonieorchester
  • Kölner Philharmonie am 17. Januar 2020
  • Werkeinführung in Brahms' Haydn-Variationen

Die "Haydn-Variationen" bilden die Brücke zwischen Brahms’ Variationszyklen für Klavier und seinem sinfonischen Schaffen. Bis in unsere Zeit sind sie, ohne echte Vorgänger, zum Muster zahlreicher ähnlicher Werke geworden.

Drei Jahre hat er es mit sich herumgetragen, im Kopf oder im Notizbuch: das Choralthema "St. Antoni" aus einem Haydn zugeschriebenen Bläserdivertimento. Brahms war 1870 auf die Melodie gestoßen, doch erst im Sommer 1873 schrieb er – in Tutzing am Starnberger See – seine "Variationen für Orchester über ein Thema von Joseph Haydn". Der als Reaktionär verschriene Brahms fand mit seinen Variationszyklen sogar die Anerkennung Wagners und Schönbergs. Die anspruchsvollsten Werke dieser Gattung hatten Bach, Beethoven und Schumann für Tasteninstrumente geschrieben. Brahms folgte dieser Tradition mit fünf eigenen Beiträgen, bevor er sich dem großen Apparat zuwandte. Zwar erstellte er von den "Haydn-Variationen" auch eine Version für zwei Klaviere, aber den entscheidenden Schritt in die Zukunft markierte – neben den parallel entstandenen Streichquartetten op. 51 – die Orchesterfassung; von hier aus führte der Weg direkt zu seinen Sinfonien. Komponisten wie Dvořák, Elgar, Reger und nicht zuletzt Schönberg ließen sich von den "Haydn-Variationen" zu ähnlichen Werken inspirieren.

WDR 3 Werkbetrachtung: Johannes Brahms' "Haydn-Variationen"

WDR 3 12.09.2015 16:59 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR 3

Brahms gelang auf engstem Raum und ohne den geringsten Anflug demonstrativer Gelehrsamkeit ein populäres Repertoirestück. Für dessen anhaltenden Erfolg bürgt schon das seltsam schöne, über eine ungewöhnliche fünftaktige Periode gebaute Thema, das vermutlich gar nicht von Haydn stammt, sondern auf ein uraltes Wallfahrtslied aus dem Burgenland zurückgehen dürfte. Die Einleitung bewahrt getreulich dessen Metrik und Harmonik, was im Grunde für das gesamte Werk gilt, darüber hinaus aber auch den originalen Bläserklang. Es folgen acht Variationen sehr unterschiedlichen Charakters. Zunächst irritiert die beharrliche Wiederkehr des Grundtones b (Var. I). Auf eine nach b-Moll abgedunkelte Variation (II) folgt das Hauptthema in Dur, allerdings unter Vermeidung markanter Bläserklänge; wir hören eine sanftmütige, das Legato bevorzugende Version (III). Nach einer melancholischen Pastorale in Moll (IV) kommen ein im schnellen 6/8- Metrum vorüberhuschendes Intermezzo (V) und eine virtuose Jagdszene mit deftig knarzenden Hörnerrufen (VI). Im versonnen wogenden Siciliano- Rhythmus zieht das Grazioso vorüber (VII). Ein schattenhaftes, geheimnisvolles Presto (VIII) mündet in den Finalsatz, der das Grundthema zu einer gewaltigen Apotheose führt. Formal handelt es sich um eine Passacaglia oder Chaconne, eine jener alten Gattungen, in denen, nicht nur nach Wagners Ansicht, Johannes Brahms ein so großer Meister war.

Stand: 17.01.2020, 08:00