Schäuble und Beethoven - Videos

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  • Musik von Beethoven und Gedanken von Wolfgang Schäuble
  • Das WDR Sinfonieorchester unter der Leitung Marek Janowski
  • SA 29. September 2018, Kölner Philharmonie, 20.00 Uhr

Im Rahmen der neuen Konzertreihe "Musik im Dialog" begrüßt das WDR Sinfonieorchester in Kooperation mit WDR 5 und WDR 3 prominente Persönlichkeiten als Gastredner. Themen aus der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussion treten in einen spannenden Dialog mit den Konzepten und Weltentwürfen des klassischen Konzertkanons. Den Auftakt macht Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit einem zugleich persönlichen und historisch weitblickenden Vortrag zum Thema "Schicksal" – flankiert durch Beethovens "Schicksalssinfonie" und die Ouvertüre zu Goethes Freiheitsdrama "Egmont".

Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zu "Egmont" op. 84
Musik zum Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe

Dr. Wolfgang Schäuble
Vortrag zum Thema "Schicksal"

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 "Schicksalssinfonie"

Mitwirkende:

  • Dr. Wolfgang Schäuble Bundestagspräsident
  • WDR Sinfonieorchester
  • Marek Janowski Leitung
  • Uwe Schulz, WDR 5 Moderation

Ouvertüre zu "Egmont" op. 84

Wie selbstbestimmt ist der Mensch – und wie viel wiegt sein persönlicher Anspruch auf Freiheit gegenüber einem kollektiven "Schicksal"? Diese Fragen dürfte sich Johann Wolfgang von Goethe beim Verfassen seines Trauerspiels "Egmont" ebenso gestellt haben wie Beethoven bei der Komposition seiner "Egmont"-Musik. Die Handlung aus dem 16. Jahrhundert hat Goethe schon als junger Anwalt in Frankfurt ins Auge gefasst: den Konflikt nämlich zwischen dem flandrischen Grafen Egmont und Herzog Alba, dem skrupellosen Repräsentanten der spanischen Fremdherrschaft in den Niederlanden. Den Einsatz für die Unabhängigkeit seines Volkes muss der geradlinige Egmont am Ende mit dem Tod bezahlen – und für dieses Ende stellte sich Goethe die visionäre

Erscheinung der "Freyheit in himmlischem Gewande" vor, die schon Friedrich Schiller als allzu gewagten "Salto mortale in eine Opernwelt" empfand. Allerdings war das Opernhafte und Musikalische fester Bestandteil von Goethes Dramenkonzept für "Egmont". Klärchen, die Geliebte des Grafen, stimmt zwei Lieder an, Regieanweisungen fordern Melodramen und Szenenmusiken, am Ende gar eine "Siegessymphonie". Und nach dem Usus der Zeit wären wohl noch eine Ouvertüre und mehrere Zwischenaktmusiken hinzugekommen. Welche Musik bei der Mainzer Uraufführung des Trauerspiels im Jahr 1789 erklang, ist unbekannt, wahrscheinlich stammte sie von Goethes Musikerfreund Philipp Christoph Kayser. Interessanter ist, dass die Geschichte des Freiheitshelden Egmont in den zwei Jahrzehnten zwischen der Uraufführung und der Wiener Premiere mit Beethovens Musik im Juni 1810 eine der unruhigsten Phasen der europäischen Politik begleitete – geprägt von der Französischen Revolution und dem Aufstieg Napoleons vom Freiheitshelden zum Eroberer.

Egmont und Klärchen

"Freyheit in himmlischem Gewande" - Stahlstich um 1900

1805 wurde Wien erstmals von den Franzosen besetzt, und auch der Gegenstoß der Österreicher im Jahr 1809 sollte in der Schlacht bei Wagram mit einer blutigen Niederlage enden. Beethovens Hoffnung auf den prometheischen Freiheitsbringer Bonaparte, die er mit vielen Intellektuellen der Zeit geteilt hatte, war der Enttäuschung über den skrupellosen Usurpator gewichen, der ihm im Sommer 1809 durch die kriegsbedingte Inflation auch noch den Urlaub auf dem Land vermasselte. Man darf deshalb vermuten, dass Beethoven den Auftrag zur Schauspielmusik durch das Wiener Burgtheater nicht nur aus "Liebe zum Dichter" annahm, sondern auch, weil er sich mit dem politischen Inhalt des Dramas identifizierte. Während die meisten Nummern von Beethovens "Egmont"-Musik vergessen sind, wurde die Ouvertüre zum Repertoirestück – übrigens auch in totalitären Systemen, die Goethes und Beethovens Parteinahme für die Sache der Freiheit propagandistisch umdeuteten. In der Musik werden die Fronten gleich zu Beginn geklärt: Die schwer lastenden Streicherakkorde schildern die schwere Bürde auf den Schultern der Flamen und Niederländer – manche haben in den Akkorden im 3/2-Takt sogar die Stilisierung einer spanischen Sarabande als Attribut für den Herzog von Alba gesehen. Der Allegro-Hauptteil, in dem die markanten Akkorde immer wieder als schwelende Bedrohung auftauchen, ist geprägt von hektischer Aktivität (der Aufständischen?), am Ende erklingt mit Trompetendonner jene "Siegessymphonie", zu der der innerlich geklärte und todesbereite Egmont seinem Hinrichtungskommando entgegenschreitet.

Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67

Ist es heute wirklich noch das Schicksal, das wir aus Beethovens fünfter Sinfonie pochen hören? Oder ist das Pathos von Widerstand und Triumph nicht längst einer sozusagen "realpolitischen" Sichtweise auf Beethovens bekanntestes Werk gewichen?

"So pocht das Schicksal an die Pforte!", soll Beethoven seinem aufdringlichen Sekretär Anton Schindler auf die Frage nach dem Sinn der unwirsch niedersausenden Geste am Beginn der c-Moll-Sinfonie geantwortet haben. Dieses "Schicksal" wäre, nach der gängigen Verknüpfung von Musik und Biografie, vor allem die gesundheitliche Katastrophe, die Beethoven durch den Verlust seines Gehörs ereilte. Der Komponist selbst hat die allmähliche akustische Verdunkelung im "Heiligenstädter Testament" von 1802 auf berührende Art analysiert. Und wenn man genau liest, beklagt er darin nicht die Beeinträchtigung oder gar den Verlust seines kompositorischen Handwerks, sondern die Isolierung in einer Gesellschaft, die noch weit entfernt war von der Integration bzw. Inklusion Benachteiligter.

Wahrscheinlicher ist, dass das Publikum der Uraufführung im Theater an der Wien am 22. Dezember 1808 einen ganz anderen Kontext der fünften Sinfonie empfand: nämlich die ständige Bedrohung durch Napoleons Eroberungszüge, die wenig später auch bei der Komposition der Musik zu Goethes "Egmont" eine Rolle spielen sollte. Wenn also in der c-Moll-Sinfonie überhaupt ein Schicksal beschworen wurde, dann war es das eines Volkes, das dem Tyrannen zu unterliegen drohte. Dagegen begehrte dieses Werk auf, wobei Beethoven im Vergleich zur vorangehenden vierten und zur lyrischen sechsten Sinfonie einen völlig anderen Ton anschlug.

Richard Wagner ahnte etwas davon, als er seiner Frau Cosima erklärte, dass "Beethoven plötzlich alles vom Musiker hätte ablegen wollen und wie ein großer Volksredner auftreten; in großen Zügen hätte er da gesprochen, gleichsam al fresco gemalt". Ein hellhöriger Kommentar, denn tatsächlich war Beethovens fünfte Sinfonie nicht mehr ein Werk für Kenner und Liebhaber, sondern für die Masse, das mit der kraftvollen Geste des Widerstands beginnt und mit der Beschwörung des Sieges endet.

Ludwig van Beethoven - Porträt von Carl Jäger

Ludwig van Beethoven - Porträt von Carl Jäger

Aufrüttelnd ist diese Sinfonie allemal – plakativ nicht. Das beweist schon die Art, wie Beethoven aus dem harmonisch ziemlich unbestimmten Vierton-Motiv am Beginn einen ganzen Sinfoniesatz erfindet, aus dem sogar noch das Seitenthema herauswächst. Nie zuvor wirkte das klassisch besetzte Orchester, das diesen Schlachtruf ausstößt, so geballt und überrumpelnd wie in diesem Allegro con brio, das wie eine nie nachlassende Kampf- und Kraftmaschine erscheint. Die militärische Assoziation wird auch im Andante nicht aufgegeben: Das Thema der Bratschen, das hier dreimal variiert wird, ist eine Art langsamer Marsch, durchzogen von Fanfaren, die Beethoven aus der Ferne (Holzbläser) "heranzoomt" und im kriegerischen Glanz von Blech und Pauken auftreten lässt. Nach diesen Momenten der Sammlung und Selbstgewissheit beginnt mit mysteriös raunenden Bässen der dritte Satz, durch den die Hörner brutal und unhöflich das abgewandelte Thema vom Beginn der Sinfonie tönen lassen. Die Antwort halten im Mittelteil die Streicher bereit: Aus der Tiefe der Kontrabässe bis in die Geigenhöhen poltert eine Fuge heran, die fast über sich selbst stolpert – ein humorvoller Moment, ganz im Gegensatz zur Wiederholung des Satzbeginns, der jetzt im konsequenten Pianissimo wie ein Geisterzug wirkt und die Erwartung auf das Kommende steigert.

Aus dem mystischen Pochen des "Schicksalsmotivs" erwächst allmählich und unaufhaltsam ein Triumphmarsch des vollen Orchesters. Mit allem Pomp und großer "militärischer" Besetzung (Piccoloflöte, Kontrafagott, Posaunen) kommt er daher und soll Massenlieder der Französischen Revolution zitieren. Die Sprache des "Volksredners" aber, wie ihn Richard Wagner genannt hat, ist auch ohne konkrete Vorbilder verständlich: mit ihren einfachen Dreiklangs Fanfaren und nachsingbaren Melodien, den schlagkräftigen Rhythmen und einem echten "Beethoven-Schluss", der dem Publikum die Grundtonart regelrecht einhämmert – C-Dur als glorreiche Verheißung einer Schicksalsüberwindung, wie sie nur die Kunst, selten aber die Realität einlöst.

Michael Struck-Schloen

Schäuble und Beethoven - Livestream
Datum: Samstag, 29.09.2018
Ort: Philharmonie
Bischofsgartenstraße 1
50667 Köln
Beginn: 20.00 Uhr
Karten:

45 Euro / 36 Euro / 27 Euro / 18 Euro / 16 Euro / 9 Euro. Die angegebenen Ticketpreise verstehen sich inkl. MwSt. Dazu kommen eine Vorverkaufsgebühr sowie eine Servicegebühr von ca. 2 Euro pro Ticket.

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