Zum Abschied: Jukka-Pekka Saraste im Interview

Jukka Pekka Saraste

Zum Abschied: Jukka-Pekka Saraste im Interview

  • Chefdirigent Jukka-Pekka Saraste verlässt Köln
  • Interview zu seiner Rolle als Dirigent, zum Orchester und zu besonderen Erlebnissen
  • "Ein bisschen der Advokat von Sibelius"

Mit Beginn der Saison 2010/2011 übernahm Jukka-Pekka Saraste das Amt des Chefdirigenten beim WDR Sinfonieorchester Köln, sein Vertrag läuft nach Verlängerung bis zum Ende der Saison 2018/2019. Im Interview spricht er über seine Arbeit in Köln, seine Schwerpunkte, seine besonderen Erlebnisse - und das "Ziel aller Wünsche".

WDR: Ein Dirigent ist alleine nichts und zusammen mit dem Orchester alles ‒ das bedeutet aber auch, dass beide "Körper" gut zusammenpassen müssen. Warum haben Sie als Finne gerade das WDR Sinfonieorchester aus Köln gewählt?

Jukka-Pekka Saraste: Eigentlich kamen die ersten Anfragen lange vor meinem Antritt in Köln ‒ und zwar aus dem Orchester selbst. Ich konnte mich dann allmählich mit dem Gedanken anfreunden, und die Lust, in Köln anzufangen, wuchs mit jedem Gastspiel, weil da eine wunderbare Resonanz war und eine gute Reaktion auf die Musik, die ich mit ihnen gemacht habe. Als dann irgendwann das offizielle Angebot vom WDR kam, war ich bereit.

WDR: Sie haben vor 2008 schon einige Orchester aus verschiedenen Musikkulturen geleitet ‒ in Kanada, Finnland, Schottland, Norwegen. Gibt es im Vergleich besondere Qualitäten, einen besonderen "Ton" des WDR Sinfonieorchesters?

Jukka-Pekka Saraste dirigierend im Konzertsaal

Jukka-Pekka Saraste dirigiert Beethoven

Saraste: Mich beeindruckt die Fähigkeit des Orchesters, eine große Linie, einen großen Atem zu bilden, und ich habe über Komponisten wie Mahler oder Bruckner ganz neue Dinge erfahren, die ich mit den anderen Orchestern so nicht machen konnte. Das waren perfekte Bedingungen für das deutsch-österreichische Repertoire, das ich damals systematisch erarbeiten wollte ‒ also Brahms, Bruckner, Mahler, Schönberg oder eben Beethoven.

WDR: Glauben Sie, dass das WDR-Orchester damit eine "deutsche Tradition" fortsetzt?

Saraste: Die finde ich auf jeden Fall im Blech wieder oder bei der Spielweise der Holzbläser. Die Streicher besitzen eher einen "universalen" Stil, wie in vielen Orchestern ‒ da kommt es eher auf die gute Chemie der Gruppe an. Für den Dirigenten ist es deshalb eine besondere Herausforderung, den Streicherklang zu formen.

WDR: Die Überraschung in Ihrer Aufnahme von Beethovens Siebter Sinfonie war für mich, dass Sie hier tatsächlich einen "deutschen Klang" geformt haben ‒ vor allem im zweiten Satz mit der dunklen Tönung der tiefen Streicher am Beginn, mit dem großartig differenzierten Marschrhythmus.

Saraste: Ich glaube, dass viele deutsche Orchester dieses Klangideal haben. Vielleicht ist das eher eine psychologische Tatsache, die mit dem Unterbewusstsein und jahrelanger Erfahrung zu tun hat. Finnische Orchester haben die Musik von Jean Sibelius im Blut, und genauso hat sich der Umgang mit Beethoven oder Brahms bei deutschen Orchestern über Generationen vererbt.

WDR: Bis heute ist der Beruf des Dirigenten, aber auch seine Persönlichkeit von einem Mysterium umgeben, er gilt als letzter Autokrat in der Musik. Haben Sie sich irgendwann gefragt, welch ein Typ von Dirigent Sie sind?

Jukka-Pekka Saraste

"Verständnis und gegenseitiger Akzeptanz"

Saraste: Ich glaube, dass sich Arbeitsmethode und Autorität des Dirigenten in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt haben. Die Arbeit basiert heute mehr auf Verständnis und gegenseitiger Akzeptanz als auf strikten Befehlen, wie das früher an der Tagesordnung war. Nur: die Verantwortlichkeit hat sich nicht geändert. Ein Dirigent muss Entscheidungen treffen und er muss eine klare Idee davon haben, was er will. Und die hängt eng mit der Person zusammen, der letztlich beide, Dirigent und Orchester, dienen: dem Komponisten mit seinem Werk.

WDR: Sie haben bei Jorma Panula studiert, einer Legende unter den Dirigentenlehrern. Was hat er Ihnen über die Rolle des Dirigenten vermittelt?

Saraste: Panulas wichtigste Botschaft war, dass die Persönlichkeit des Dirigenten sich selbst treu sein müsse. Man sollte keine anderen Dirigenten oder ihre Arbeitsweise zum Vorbild nehmen, wenn sie nicht mit einem selbst übereinstimmen. Was mich bei großen Dirigenten immer beeindruckt hat, war ihre Willensstärke, die ihnen eine unbeirrbare Freiheit bei allen Entscheidungen verschaffte. Die Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Arbeit: das teilt sich auch dem Orchester und dem Publikum mit.

WDR: Ludwig van Beethoven stammte aus Bonn ‒ glauben Sie, dass bei ihm die rheinische Herkunft über den Dialekt hinaus nachgewirkt hat?

Saraste: Also ich habe begeistert die Beethoven-Biografie von Jan Swafford gelesen, der einem so wunderbar klar macht, wie sehr Beethovens Zeit und seine eigene Persönlichkeit in das Werk hineinwirken ‒ das hat auch unsere Aufnahmen sehr beeinflusst. Und als ich bei Swafford zum ersten Mal vom Kurfürstentum Köln/Bonn und der Aufklärung am Ende des 18. Jahrhundert gelesen habe, über dieses Gedankengut, das Beethoven mit nach Wien genommen hat, da wurde mir klar, dass das wirklich ein Fundament war für alles, was er später wurde.

WDR: Wenn wir die Gruppe der neun Sinfonien nehmen ‒ wie unterschied sich denn Beethovens Idee der Gattung Sinfonie von Haydn und Mozart?

Saraste: Auf jeden Fall wollte er sich vom Lehrer Haydn und seinen Sinfonien bewusst absetzen ‒ was für einen jungen Komponisten in Wien durchaus ein Wagnis war. Dabei hat er am Beginn von Haydn noch die Überraschungsmomente übernommen ‒ denken Sie an den Beginn der Ersten Sinfonie auf der Dominante. Aber dann hat er seine eigene Art des weiträumigen Aufbaus und der Verarbeitung des musikalischen Materials gefunden. Seit der "Eroica" findet der Sprung zu einer völlig anderen Philosophie der Sinfonie statt. Oder wenn Sie den obsessiven Rhythmus in der Fünften oder Siebten Sinfonie ansehen ‒ das ist fast schon Minimalismus. Oder Rock and Roll.

WDR: Theodor W. Adorno hat Beethovens Sinfonie als "Reden an die Menschheit" bezeichnet. Deutet sich da eine neue Ansprache an das Publikum, vielleicht auch an ein neues Publikum an?

Ein altes Notenblatt der '5. Sinfonie' mit den einzelnen Stimmen für die verschiedenen Instrumentengruppen des Orchesters.

Die ersten Takte der 5. Sinfonie

Saraste: Vor allem bringen die Sinfonien eine bislang unbekannte Energie in den Konzertsaal ‒ eine Hochspannung, die ich sonst von keiner Musik der Zeit kenne. Das elektrisiert natürlich auch das Publikum. Aber dann gibt es auch dieses Balancieren an der Grenze zur Romantik, wobei Beethoven emotional dann doch nie zu weit geht. Nehmen wir den Beginn der Neunten Sinfonie. In den ersten Takten öffnet Beethoven eine ganze Welt von Stimmungen und Informationen, die den Hörer fast schwindelig machen. Da gibt es nicht nur eine bestimmte Stimmung, sondern viele Schichten, einmalig! So etwas macht Musik groß und reich, weil es nicht nur eine Hörweise anbietet.

WDR: Man hat den Eindruck, dem Werden einer Welt beizuwohnen.

Saraste: Absolut. Das erinnert wiederum an die Vierte Sinfonie von Sibelius. Da gibt es zu Beginn auch diese ständigen Ansätze, aus denen sich kleine Motive herausschälen, am Ende eine Art Thema, das aber nie vollständig erscheint ‒ und dann endet der Satz. Es herrscht eine permanente Atmosphäre der Erwartung, die aber nie völlig erfüllt wird.

WDR: Mehr Fragen als Antworten …

Saraste: Genau.

WDR: Geht Beethoven auch mit seiner Instrumentation neue Wege?

Saraste: Schon in der Ersten Sinfonie gibt es eine neue Idee von Klang, der diese enorme physische Energie der Musik produziert, aber auch zu Brüchen führt, typisch Beethoven. Und wenn Sie an die Orchestrierung der "Eroica" denken: äußerst gewagt, dabei wirkt sie fast unfertig, ohne das übliche Finish und die polierte Oberfläche.

WDR: Mir scheint, dass Sie in Ihren Interpretationen gerade diese Rauheiten, aber auch jedes Detail hörbar machen wollen, durch unerhörte Transparenz …

Saraste: Transparenz ist sehr wichtig ‒ aber man erreicht sie nicht unbedingt, indem man mit mehr Leichtigkeit spielt, sondern wenn alle im Orchester wirklich gemeinsam fühlen.

WDR: Sie reduzieren entschieden das Vibrato der Streicher ‒ aus historischem Bewusstsein?

Saraste: Ständiges großes Vibrato kann für den Hörer sehr ermüdend sein. Wenn Sie weniger machen, schaffen sie diese vibrierende Atmosphäre der Erwartung. Das ist mir sehr wichtig: wir müssen nicht immer Vollgas geben, sondern die Möglichkeit nutzen, einen Klang und eine musikalische Botschaft allmählich zu entwickeln. Und als ehemaliger Geiger versuche ich natürlich, die ganze Palette von Streicherklängen zu entwickeln.

WDR: Konnten Sie dabei von den Erkenntnissen der Aufführungspraxis lernen?

Jukka-Pekka Saraste

"Advokat von Sibelius"

Saraste: Sicher, und ich glaube, dass diese Phase notwendig war für die Musik, denn man hat ziemlich erfolgreich den Konzertbetrieb mit den Wurzeln der klassischen Musik konfrontiert. In den siebziger Jahren war das ein sehr frischer, aber auch etwas demonstrativer Zugang, und jetzt kommt es darauf an, diese wiedergefundenen Grundlagen mit unseren eigenen Gefühlen auszustatten und zu bereichern. Das verhindert eine gewisse schulmeisterliche Haltung und schafft mehr Freiheiten im Spiel. Auch Beethoven mochte keine streng durchgehaltenen Tempi, und es ist ein großer Fehler, Beethovens Tempi zu wörtlich zu nehmen. Wichtig war ihm die Flexibilität.

WDR: Wenn Sie auf die vergangenen 9 Jahre als Chefdirigent des WDR-Orchesters zurückblicken ‒ erinnern Sie sich an besonders erfüllte Momente Ihrer Zusammenarbeit?

Saraste: Dazu gehört neben unserer vorliegenden Beethoven-Begegnung sicher unsere Reise durch Gustav Mahlers Neunte Sinfonie, die wir mehrfach gespielt haben. Aber auch die Vierte Sinfonie von Sibelius war einer meiner absoluten Highlights ‒ nicht nur, weil ich in Köln ein bisschen der Advokat von Sibelius war, sondern auch weil das besondere Spiel und die Erfahrung des Orchesters dieser Musik etwas Einmaliges verliehen hat. Da fühlten wir uns wirklich am Ziel aller Wünsche!

Das Interview führte Michael Struck-Schloen