Nicolas Fink

75 Jahre WDR Rundfunkchor: Carola Anhalt und Nicolas Fink im Gespräch

Seit der Saison 20/21 ist Nicolas Fink Chefdirigent des WDR Rundfunkchores und künstlerischer Leiter des rund 40-köpfigen Ensembles. An seiner Seite ist Chormanagerin Carola Anhalt. Bereits seit 2012 modernisiert sie konsequent den WDR Rundfunkchor in seiner Ausrichtung und führt ihn an die Hörgewohnheiten eines breiteren Publikums heran. Durch das beeindruckend große Spektrum seiner Aktivitäten ist der WDR Rundfunkchor heute ein zukunftsorientiertes Ensemble, das viele Hörerinnen und Hörer erreicht. Ein Gespräch über damals und heute.

Carola Anhalt - Managerin WDR Rundfunkchor

Carola Anhalt - Managerin WDR Rundfunkchor

Carola Anhalt: Mich fasziniert die reiche Geschichte des WDR Rundfunkchores, der 1947 mit dem Auftrag startete, Chormusik von dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten zu befreien. Wie viel Musik war in dieser Zeit verboten oder als "entartet" abgestempelt worden! Wie viel ist verloren gegangen! Die Schallplatte als Medium war noch relativ neu, und die Archive der neu gegründeten Rundfunkanstalten leer. Überhaupt wurden noch sehr viele Sendungen mit Livemusik gestaltet und alle Konzerte aus dem Funkhaus live in die Haushalte übertragen. Und es galt in den Anfangsjahren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, unendlich viele Stunden Musik aufzunehmen.

Nicolas Fink

Chefdirigent Nicolas Fink

Nicolas Fink: Von Anfang an verlangten die vielen Aufnahmen vom Chor Perfektion, denn die Technik macht alles hörbar. Die Digitalisierung ist eine neue Herausforderung. Für mich als Chefdirigent sehe ich als wichtigste Aufgabe, das Erbe des Chores weiterzuführen und seinen Platz in einer sich rasant verändernden Welt immer wieder aufs Neue zu definieren. Wir haben das Privileg, das klassische Chorrepertoire mit seinem großen Reichtum aufzuführen. Jedes Mal sollten wir uns fragen: Können wir ein Werk, einen Text neu beleuchten? Wie können wir das Publikum heute an der Musik aus einer anderen Welt teilhaben lassen? Ich bin dagegen, Dinge per se zu idealisieren oder schlecht zu machen. Ich finde, dass wir uns offen und kritisch mit der Vergangenheit und unseren Wurzeln auseinandersetzen sollten. Wichtig ist zu wissen, woher wir kommen – ohne heutige Wertvorstellungen über ältere Werke zu legen.

Carola Anhalt: In den 1960er, 1970er Jahren kam die nächste Etappe, denn die Verantwortlichen wollten Weichen stellen. Sie wollten die Musik des 20. Jahrhunderts finden, erfinden lassen. Daher erfolgten Aufträge an Komponisten, von denen wir heute sagen, dass sie tatsächlich ein Stück Musikgeschichte schrieben: Igor Strawinsky, Carl Orff, Luciano Berio, Pierre Boulez, Luigi Nono oder Maurizio Kagel haben auch für den damaligen Kölner Rundfunkchor komponiert. Die Komponistengrößen gaben sich im Kölner Funkhaus die Klinke in die Hand. In den 1980er Jahren begann Karlheinz Stockhausen seinen Opernzyklus "LICHT" – die Chorteile hat er im WDR aufgenommen und ausprobiert. Stockhausen war ein großer Chorfan und experimentierte auf allen musikalischen Ebenen und sogar mit der Choraufstellung auf der Bühne. Neue Beschallungs- und Übertragungstechniken wurden getestet, die selbst heute noch Techniker:innen herausfordern. Schön klang dabei die Chormusik nicht immer – es ging auch um Kriegsbewältigung, um Widerstand gegen das Establishment, gegen jede Art der Bevormundung.

75 Jahre WDR Rundfunkchor

75 Jahre WDR Rundfunkchor - Uraufführungen, Konzertreisen in die ganze Welt, Zusammenarbeit mit außergewöhnlichen Musiker:innen und viele, viele Konzerte mit wunderbarer Musik. Erinnerungen und Bilder aus 75 Jahren.

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Nach dem Ende des Krieges war es nicht einfach, geeignete Sängerinnen und Sänger zu finden. In den 50er Jahren umfasste der "Kölner Rundfunkchor" 36 Stimmen. Hier der Chor 1957 bei Proben mit seinem ersten Chordirektor Bernhard Zimmermann.

Nach dem Ende des Krieges war es nicht einfach, geeignete Sängerinnen und Sänger zu finden. In den 50er Jahren umfasste der "Kölner Rundfunkchor" 36 Stimmen. Hier der Chor 1957 bei Proben mit seinem ersten Chordirektor Bernhard Zimmermann.

Von Anfang an gehörte bei dem Rundfunkchor die zeitgenössische Musik zum festen Repertoire. 1957 bei Proben im Chorsaal des WDR Funkhauses am Wallrafplatz.

1962 wurde Herbert Schernus der neue Leiter des Chores. Hier bei einer Probe 1968.

Im Repertoire des Chores gab es immer neben der zeitgenössischen Musik und klassischen Chorwerken auch unterhaltsame Produktionen: Operetten, Spielopern, Singspiele und Musicals - oft gemeinsam mit dem WDR Funkhausorchester.

Bei zahlreichen Uraufführungen wirkte der Chor mit - hier 1980 unter der Leitung von Mauricio Kagel.

Das Kölner Rundfunkorchester und der Kölner Rundfunkchor unter der Leitung von Pinchas Steinberg in der Kölner Philharmonie 1986.

1992 wurde Helmuth Froschauer der neue Leiter des Chors. Der Chor am Kölner Rheinufer 1993.

1999 wurde der Kölner Rundfunkchor in "WDR Rundfunkchor" umbenannt. 2001 übernahm Anton Marik die Leitung des Chores. Der WDR Rundfunkchor bei Proben für die Uraufführung der "Hoch-Zeiten" von Karlheinz Stockhausen im Jahr 2003.

Ab 2004 leitete Rupert Huber den WDR Rundfunkchor. Huber entwickelte eigene, sehr profilierte Konzertreihen, darunter den siebenteiligen Zyklus "Brahms und …". Darin kontrastierte er Chorwerke von Brahms mit Phänomenen europäischer und außereuropäischer Musiktradition und Kulturgeschichte – darunter der Cante jondo, Gesänge skandinavischer Samen und Rituale der Sufis. Hier der WDR Rundfunkchor mit Rupert Huber in der Kirche Groß St. Martin in Köln 2007.

Der französische Dirigent Denis Comtet bei der Arbeit mit dem WDR Rundfunkchor für "Deep Field", ein Ballett von Martin Schläpfer mit Musik von Adriana Hölszky. Uraufführung am 23. Mai 2014 im Opernhaus Düsseldorf.

Von 2014 bis 2020 leitete Stefan Parkman den Chor. Eines seiner Herzensprojekte waren Mitmachkonzerte, die er initiierte.

Auch die Flashmobs gehören seit Parkmans Amtszeit fest zum Profil des Chores und erfreuen sich größter Beliebtheit: Die überraschenden Auftritte am Flughafen Köln/Bonn oder in der Zeche werden auf YouTube millionenfach geklickt.

Seit der Saison 20/21 ist Nicolas Fink Chefdirigent des WDR Rundfunkchores.

Bei höchstem künstlerischen Anspruch setzt Nicolas Fink neben der traditionellen Chorarbeit die mit Parkman gestartete Entwicklung fort und stärkt mit digitalen Mitsing-Projekten oder Flashmobs die Bindung des Chores zu seinem Publikum.

Der Brite Simon Halsey bringt seit 2020 als Kreativdirektor des WDR Rundfunkchores in begeisternden Konzerten ambitionierte Laien und Semi-Profis mit den Profis des WDR Rundfunkchores zusammen.

Seit neuestem können Chorsänger:innen auch zu Hause mit dem WDR Rundfunkchor singen. Die WDR Rundfunkchor Sing Along App macht's möglich: Noten, Einzelstimmen und das Dirigat von Nicolas Fink bringen eine ganz persönliche Chorprobe in's Wohnzimmer.

Nach der Jubiläumstour durch NRW wird der WDR Rundfunkchor Ende Oktober gemeinsam mit dem WDR Sinfonieorchester in der Kölner Philharmonie den 75. Geburtstag der beiden Ensembles feiern.

Nicolas Fink: Auch wenn manche Aufgaben des WDR Rundfunkchores weggefallen und neue hinzugekommen sind: Zeitgenössische Werke ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Geschichte. Ich sehe das nicht als lästige Pflicht, sondern als große Chance. Bei Uraufführungen dürfen wir den kreativen Prozess des Komponierens miterleben. Die Komponist: innen stehen uns Rede und Antwort zu ihren Stücken und binden uns ein. Und was zeitgenössische Musik besonders wertvoll macht: Es ist für Künstler:innen und Publikum ein ständiges Üben, offen an Neues, Ungewohntes, Fremdes heranzugehen – ohne Vorwissen. Das braucht durchaus Mut, denn bei Bewährtem mitzuschwimmen, ist viel leichter. Man muss nicht alles gut finden, aber sollte sich damit auseinandersetzen.

Carola Anhalt: Und in den letzten Jahren hat sich die Musik durchaus globalisiert. Zwar lassen sich vierteltönige Skalen des Orients nicht mit dem abendländischen Musiksystem kombinieren, aber die Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Musikkulturen führt zu neuen Experimenten. Weltmusik wird zum Begriff. Auch der WDR Rundfunkchor verschließt sich nicht und arbeitete bereits mit Obertonsängern und Schamanen auf der Bühne. Im Jahr 2011 führte eine Tournee nach Ägypten: Mitten im Arabischen Frühling wagt es der Profichor, in Kairo Konzerte bei den christlichen Kopten zu geben – bis die Tournee sogar abgebrochen werden musste und alle heile nach Hause gekommen sind.

Nicolas Fink: Wichtig ist mir schon, dass wir auch soziale oder politische Themen in unseren Programmen aufgreifen – ohne außer Acht zu lassen, dass Chormusik ein "Safe Space" ist. Hier darf man die Probleme des Alltags auch mal vergessen und sich mit Wohlklang und Schönheit umgeben.

Der NWDR gründet die Kölner Klangkörper (am 01.09.1947)

WDR ZeitZeichen 01.09.2022 14:50 Min. Verfügbar bis 01.09.2099 WDR 5


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Carola Anhalt: Ständig entwickelt sich die Chorwelt weiter. Mit Einzug der skandinavischen und englischen Chormusik findet seit der Jahrtausendwende eine große Laienchorbewegung statt – viele Menschen finden wieder Gemeinschaft und Glück im gemeinsamen Singen. Das wirkt sich auch auf die Hörgewohnheiten aus: Chormusik ist wieder tonal, schön, atmosphärisch. Neue Auftragswerke entstehen auch hier für den WDR Rundfunkchor und seine Community, denn das gemeinsame Singen mit den Chormusikfans ist zu einer neuen Aufgabe geworden. Sei es mit Schulchören, Patenchören oder engagierten Chorsänger:innen – die großen Mitsingkonzerte bieten einerseits Herausforderung und gleichzeitig Spaß beim Mitmachen, bei Mendelssohns "Lobgesang" oder Mozarts "Requiem", Haydns "Schöpfung" oder bei neueren Werke, die uns in Zukunft erwarten.

Nicolas Fink: Wir haben deshalb auch digitale Mitsingkonzerte entwickelt und mit der Sing Along App unsere Fühler weiter ausgestreckt, um da hinzukommen, wo die Menschen sind. Das ist überhaupt die Herausforderung für die Zukunft: Hörer:innen werden genauso im Konzertsaal wie im digitalen Raum erreicht. Dabei stellt sich mir als künstlerischem Leiter die entscheidende Frage: Was will ich überhaupt vermitteln? Der WDR Rundfunkchor kann mit seinen digitalen Produkten auf aktuelle soziale Fragen oder politische Themen schnell reagieren. Schneller als in einem mit langen Vorläufen geplanten Konzertbetrieb. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Im Idealfall jagt der WDR Rundfunkchor Trends nicht hinterher, sondern setzt sie selbst.

Carola Anhalt: Und das können und sollten wir von der Zukunft erhoffen: dass die wertvolle Musik auf die eine oder andere Art erhalten bleibt und weitergegeben wird. Und dass auch selber weiterhin musiziert und gesungen wird. Denn da bin ich mir sicher, die Stimme ist etwas genuin Menschliches!

Nicolas Fink: Und mein Anspruch als künstlerischer Leiter des WDR Rundfunkchores ist, dass wir uns immer besser in Nordrhein-Westfalen verankern und fester Teil der Kulturlandschaft werden. Nahbar – und am liebsten als Spitze des Eisbergs.