Nach Anschlag in Halle: Wie man wann Zivilcourage zeigt

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Nach Anschlag in Halle: Wie man wann Zivilcourage zeigt

Von Jörn Seidel

  • Forderungen nach mehr Zivilcourage
  • Michael Naor: Nicht nur bei Antisemitismus nötig
  • Polizei nennt sechs Regeln für kriminelle Situationen

Nach dem antisemitischen Anschlag in Halle an der Saale werden Forderungen nach mehr Zivilcourage laut. Bloße Solidaritätsbekundungen könne er nicht mehr hören, sagte der jüdische Publizist Michel Friedman am Donnerstag (10.10.2019) im ZDF-Morgenmagazin. Wenn man erlebe, "dass jemand Menschenhass propagiert, dann muss man Gesicht zeigen!"

Das fordert auch der in Düsseldorf lebende deutsch-israelische Psychotherapeut Michael Naor. Es gebe "noch viel zu wenig Zivilcourage", nicht nur in Zusammenhang mit antisemitischen Angriffen, sondern auch auf der Straße in kriminellen Situationen, sagte er vor einigen Wochen dem WDR.

Antisemitismus: "Zu wenig Zivilcourage"

WDR 5 Morgenecho - Interview 09.08.2019 06:11 Min. Verfügbar bis 08.08.2020 WDR 5

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Attentat auf Henriette Reker

Aber es gibt sie, die kleinen und großen Momente von Zivilcourage. Manche werden auch öffentlich bekannt. Zum Beispiel das mutige Eingreifen von fünf Bürgern 2015 auf einem Kölner Wochenmarkt. Da stach ein Rechtsextremer mit einem Messer auf die Politikerin Henriette Reker ein - einen Tag vor ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin.

Der Fall zeigt, was als typisch gilt für Zivilcourage: In einer kritischen Situation stemmen sich meist eine oder wenige Personen gegen Unrecht oder missachtete Werte - zum Beispiel gegen Gewalt oder verletzte Menschenwürde. Und sie wissen, dass ihnen daraus ein Nachteil entstehen könnte, zum Beispiel durch Anfeindung oder indem sie sich selbst in Gefahr bringen.

Über solche Fälle berichtet die Polizei in Nordrhein-Westfalen nicht selten. Zum Beispiel im Juli 2019. Da sprang ein 26-jähriger Mann in einem Dortmunder Parkhaus einer Frau zu Hilfe, die von einem anderen Mann attackiert wurde. Der Helfer wurde bewusstlos geprügelt und getreten.

Im Monat davor gab ein Unbekannter in der Bochumer U-Bahn ausländerfeindliche Parolen von sich. Ein 23-Jähriger forderte ihn auf, solche Äußerungen zu unterlassen. Der Unbekannte schlug zu und verletzte den jungen Mann. Augenzeugen des Vorfalls zeigten ebenfalls Zivilcourage - sie drängten den Täter aus der Bahn.

Sechs Regeln für den Ernstfall

In kriminellen Situationen wie diesen Zivilcourage zu zeigen, kann lebensgefährlich sein. Deshalb nennt die polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes sechs Regeln für den Ernstfall:

1. Hilf, aber bringe Dich nicht in Gefahr.
2. Ruf die Polizei unter 110.
3. Bitte andere um Mithilfe.
4. Präg Dir Tätermerkmale ein.
5. Kümmer Dich um Opfer.
6. Sag als Zeuge aus.

Häufig kann es aber viel leichter sein, Zivilcourage zu zeigen. Zum Beispiel, indem man antisemitischen Äußerungen widerspricht. Jeden Tag, so fordert es Michel Friedman, egal ob im Beruf, im Verein oder in der Familie.

Stand: 11.10.2019, 19:43

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