Xavier Naidoo im Interview.

"Mit einem einfachen 'Sorry' von Xavier Naidoo ist es nicht getan"

Stand: 20.04.2022, 17:32 Uhr

Mit einem Video bekundet Xavier Naidoo seine Abkehr von Verschwörungstheorien. Als Grund nennt er den Krieg in der Ukraine - seine Frau stammt von dort. Aber wie glaubwürdig ist seine Entschuldigung? Ein Interview.

Die Entschuldigung Naidoos ordnet Andreas Speit im WDR-Interview ein. Er ist Journalist, Publizist und Autor. Seine Schwerpunkte sind Rechtsextremismus und die "Querdenken"-Bewegung.

WDR: Für wie glaubwürdig halten Sie die Entschuldigung von Xavier Naidoo in seinem Video?

Andreas Speit: In dem Video merkt man, dass Xavier Naidoo wirklich tief ergriffen ist. Er ist besorgt, bittet um Entschuldigung und Verzeihung. Der Hintergrund ist ein familiärer: Seine Frau kommt aus der Ukraine. Offensichtlich haben ihn diese Entwicklungen sehr stark bewegt.

Andreas Speit

Andreas Speit

Dabei sollte man berücksichtigen, dass gerade die Kreise, in denen er sich bewegt hat, sich sehr pro-russisch geäußert haben - die Ukraine dort quasi ähnlich kritisiert worden ist, wie wir es von Rechten kennen. Das könnte ihn bewegt haben, umzukehren.

WDR: Ist denn so eine komplette Kehrtwende für Xavier Naidoo auf diesem Weg überhaupt möglich?

Speit: Eine komplette Kehrtwende habe ich da gar nicht herausgehört. Man hat ein wenig den Eindruck, er denkt, dass die meisten vor allem im Kopf haben, dass er sich im Rahmen der Pandemie so verrannt hat. Er sagt ja auch: Er ist vom Weg abgekommen, er wollte die Wahrheit suchen. Und ist dann eben gestrauchelt. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Xavier Naidoo spricht bei rechter Mahnwache in Berlin

Naidoo bei rechter Mahnwache in Berlin

Er fiel ja zum Beispiel schon 2011 im ARD- Morgenmagazin auf. Mit Aussagen, die man eher dem reichsideologischen Spektrum zuordnen konnte. 2014 war er auch schon auf der Straße - mit einer ähnlichen Klientel wie heute. Und ich möchte daran erinnern, dass er 2017 mit den Söhnen Mannheims ein Lied aufgenommen hatte, "Marionetten", dessen Text ganz viele Verschwörungsnarrative beinhaltet. Und darum denke ich, dass da jemand sehr tief in sich gehen muss und vielleicht auch Hilfe braucht, um sich aus diesem Gedankengebilde wirklich völlig lösen zu können. Ein einfaches "Sorry und tut mir leid, ich hab mich verrannt" ist einfach zu wenig.

WDR: Xavier Naidoo war eins der prominentesten Gesichter der Querdenker- und Corona-Leugner-Bewegung. Welchen Einfluss kann sein Video auf andere Menschen haben?

Speit: Ich habe das Video so verstanden, dass er auch andere ermutigen möchte nachzudenken, sich selbst zu überprüfen, sich zu reflektieren. Aber da bin ich wirklich sehr, sehr vorsichtig. Wir erleben ja gerade, dass sich die Szene enorm radikalisiert. Diese Menschen wird er nicht erreichen. Er wurde ja auch schon als Verräter benannt. Vielleicht kann er Menschen erreichen, die noch nicht so tief in der Bewegung sind.

WDR: Kann jemand wie er denn überhaupt Vorbild für eine Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Überzeugungen sein?

Speit: Man muss wirklich nochmal ganz deutlich sagen: Er hat mit seinem Auftreten viel negativ bewegt. De facto hat er es geschafft, dass durch seine Prominenz radikale Verschwörungserzählungen in der Mitte der Gesellschaft bekannt geworden sind.

Und er hat es auch geschafft - dass muss man wirklich doppelt betonen - dass bekannte Rechtsextremisten in der Szene an Akzeptanz gewonnen haben. Ich denke da an einen Rechtsrock-Star, mit dem er ein Duett aufgenommen hat. Diesen Menschen hat er Tür und Tor geöffnet für ein breites Publikum. Und dem muss er sich stellen.

De facto hat er es geschafft, dass durch seine Prominenz radikale Verschwörungserzählungen in der Mitte der Gesellschaft bekannt geworden sind. Andreas Speit

Wie gesagt, ein einfaches "Sorry" wäre mir zu wenig. Wir sagen ja auch immer wieder: Wenn Menschen aus der rechtsextremen Szene aussteigen, dann ist das ein lebenslanger Prozess. Das ist nicht mit zwei, drei Worten getan. Und auch nicht mit einem Video in etwas über drei Minuten.

Das Interview führte Carolin Köhler.

Über dieses Thema berichten wir auch am Mittwoch, 18.45 Uhr, in der "Aktuellen Stunde" im WDR-Fernsehen.

Aktuelle TV-Sendungen