Messerattacke in Würzburg: Wie weit sollte Zivilcourage gehen?

Messerattacke Würzburg: Söder dankt Flüchtling für Zivilcourage Aktuelle Stunde 27.06.2021 UT Verfügbar bis 27.06.2022 WDR Von Bamdad Esmaili

Messerattacke in Würzburg: Wie weit sollte Zivilcourage gehen?

Von Jörn Kießler

Bei der Messerattacke in Würzburg haben mutige Passanten wohl verhindert, dass der Angreifer weitere Menschen verletzen konnte. Doch wie verhält man sich in einer solchen Situation richtig?

Die Szenen, die sich am Freitag in der Würzburger Innenstadt abspielen und auf Handyvideos zu sehen sind, lassen einem den Schauer über den Rücken laufen: Nur mit Rucksack in der Hand stellt sich ein Mann dem mit einem Messer bewaffneten Angreifer entgegen, der nach bisherigem Kenntnisstand kurz zuvor drei Frauen tödlich verletzte. Auch als der mutmaßliche Täter Anstalten macht, ihn zu attackieren, weicht er nur kurz zurück, hält aber die Stellung.

Wenig später hat sich eine Menschenmenge gebildet, die - bewaffnet mit Klappstühlen und einem Besen - den 24-Jährigen in Schach hält, bis die Polizei kommt. Sie teilt später mit, sie habe den Somalier mit einem Schuss in den Oberschenkel gestoppt. Neben den drei Todesopfern gibt es sechs Schwerverletzte, mindestens ein weiterer wird leicht verletzt. Eine Frau befindet sich am Samstagnachmittag nach Polizeiangaben noch in Lebensgefahr.

Polizei rät von Konfrontation bewaffneter Täter ab

Im Nachhinein betrachtet hat der mutige Einsatz der Würzburger wahrscheinlich verhindert, dass der Angreifer weitere Menschen verletzen oder töten konnte. Doch so viel Zivilcourage kann auch schief gehen. Eines der bekanntesten Beispiel dafür ist Dominik Brunner. Er kam 2009 ums Leben, als er zwei junge Männer an einem S-Bahnhof in München stellte, die zuvor vier Kinder belästigt hatten.

Die Polizei rät davon ab, gewaltbereite und womöglich bewaffnete Täter anzugreifen. "Grundsätzlich sollte man in Deckung gehen und sich zurückziehen, wenn ein Täter offenbar wahllos Menschen attackiert", sagt Jan Glowania, Hauptkommissar bei der Kölner Polizei. Er rät, die Polizei zu rufen und gegebenenfalls Verletzte in Sicherheit zu bringen.

Söder dankt Menschen für "beherztes Eingreifen"

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) betonte hingegen am Samstag das "couragierte Eingreifen mutiger Männer und Frauen in Würzburg", dem es mit zu verdanken sei, dass noch Schlimmeres verhindert wurde. Dieser selbstlose Einsatz verdiene höchste Anerkennung. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) lobte das "beherzte Eingreifen" der Menschen in Würzburg. "Dank und großen Respekt aber auch an engagierte Bürger, die mit ihrem Einsatz, mit ihrer Zivilcourage versucht haben, diesen Täter zu stellen und in Schach zu halten und sich dabei selbst in große Gefahr gebracht haben", sagte Söder am Samstag in Nürnberg bei der Listenaufstellung der CSU-Kandidaten für die Bundestagswahl.

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"Wenn Herr Söder so etwas vorbehaltlos sagt, weiß er offenbar nicht, wie gefährlich Messer sind", sagt dazu Sebastian Fiedler, der Bundes- und NRW-Vorsitzende der Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Fiedler kandidiert für die SPD bei der Bundestagswahl. "Ein Messer ist ein tödliche Waffe und selbst erfahrenen Kampfsportlern gelingt es nicht, jemanden mit einem Messer zu entwaffnen, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen." Deshalb sei der beste Ratschlag, den man Menschen bei einer solchen Messerattacke geben könnte: Weglaufen.

Weniger Gefahr in großer Gruppe

"Das widerspricht aber nicht der Tatsache, dass es höchsten Respekt verdient, dass die Menschen in Würzburg so viel Zivilcourage gezeigt haben", sagt Fiedler. Er betont auch, dass es in Situationen wie dieser gut ist, wenn sich viele Menschen gemeinsam dem Angreifer entgegen stellen und damit die Gefahr für sich selbst verringern.

Kölns Hauptkommissar Glowania hat noch aus einem anderen Grund Verständnis für die Reaktion der Passanten in Würzburg. Dort lag seiner Meinung nach auch eine Art Notwehrsituation vor, in der es nachvollziehbar sei, sich zu wehren. Denn Zivilcourage ist auch immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung, wie die Psychologin Monika Schanderl von der Universität Regensburg sagt.

Psychologin: Zivilcourage durchläuft vier Stufen

"Wenn Gefahr für das eigene Leben besteht, ist die Bereitschaft einzugreifen natürlich höher", sagt Schanderl, deren Forschungsschwerpunkte Gewalt, Aggression und Zivilcourage sind. Insgesamt müssen laut Schanderl aber immer erst vier Stufen durchlaufen werden, bevor Menschen anderen zu Hilfe eilen.

1. Die Person muss die Situation wahrnehmen: "Das ist auch eine Frage der Einstellung", erklärt Schanderl. "Bin ich jemand, der eher mit offenen Augen durch die Welt läuft, oder schaue ich gerade auf mein Handy oder höre mit Kopfhörern Musik."
2. Die Lage muss richtig interpretiert werden: "Der Betroffene muss erkennen, dass es sich um eine Notsituation handelt und zwei streitende Menschen nicht vielleicht nur ein Pärchen sind, das diskutiert."
3. Die Bereitschaft, persönliche Verantwortung zu übernehmen: "Gerade wenn auch andere Personen in der Nähe sind, die noch abwarten, passiert es oft, dass man sagt: 'Die könnten doch auch eingreifen'", sagt Schanderl.
4. Die Kompetenz, eingreifen zu können: Schon das Wissen, wie man einen korrekten Notruf absetze, motiviere in einer Notsituation auch wirklich zu handeln, so Schanderl.

Erst wer diese vier Stufen komplett in Sekundenschnelle durchlaufen hat, greift in eine brenzlige Situation ein und zeige Zivilcourage.

Stand: 26.06.2021, 17:15

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