Kindeswohlgefährdung erkennen - und handeln

Symbolbild: Umrisse eines Kindes durch einen Vorhang hindurch

Kindeswohlgefährdung erkennen - und handeln

Kindeswohlgefährdung erkennen - und handeln

Die Zahl der Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdung ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Experten vermuten, dass es an sozialer Isolierung während der Pandemie liegt.

Alice ist fünf Jahre alt, geht in die Kita - und hat eigentlich immer irgendwelche Verletzungen. Meistens blaue Flecken. Das fällt nicht nur anderen Kindern, sondern auch der Erzieherin auf. Wer Alice darauf anspricht, bekommt zu hören, dass sie die Treppe hinuntergestürzt oder vom Fahrrad gefallen sei. Doch die Wahrheit ist das nicht.

Es waren die Eltern, die ihrer Tochter die Verletzungen zugefügt haben. Dem war die Erzieherin auf die Spur gekommen, als Alice eines Tages nicht in der Kita erschien und die Frau bei der Familie nach dem Kind schauen wollte. Die Eltern verweigerten ihr den Zutritt zur Wohnung. Woraufhin die Erzieherin die Polizei rief, die Alice eingesperrt im Kinderzimmer fand: Übersät mit blauen Flecken und Striemen, den Mund zugeklebt mit Paketband.

Unterschiedliche Formen von Kindeswohlgefährdung

Dieses Schicksal eines kleinen Mädchens ist in einer Broschüre der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes nachzulesen. Es fällt unter die Kategorie "Kindeswohlgefährdung" - und es ist beileibe kein Einzelfall. 2020 haben die Jugendämter in NRW mehr Fälle von Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bearbeiten müssen als im Vorjahr: Sie bewerteten nach Angaben des Statistischen Landesamtes 54.347 Fälle und somit 9,3 Prozent mehr als im Jahr 2019.

Kindeswohlgefährdung hat Experten zufolge unterschiedliche Formen. Es kann körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch oder etwa auch seelische Misshandlung sein - zum Beispiel, wenn ein Kind fortlaufend Beschimpfungen oder Wutausbrüche von Erziehungsberechtigten ertragen muss. Infolgedessen kann das Mädchen oder der Junge ständig aggressiv sein, wenig kindgerechte Wörter benutzen oder ein altersmäßig unpassend sexualisiertes Verhalten zeigen.

Eine andere Form von Kindeswohlgefährdung: Eltern vernachlässigen ihr Kind, das etwa hungrig, krank oder in unsauberer Kleidung in der Kita oder in der Schule erscheint. Auch häufige Müdigkeit und Entwicklungsverzögerungen können Hinweise auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung sein.

Aufmerksam sein und das Gespräch suchen

Wie also reagieren, um möglicherweise betroffenen Mädchen und Jungen zu helfen und sie aus ihrer misslichen Lebenssituation zu befreien? Experten empfehlen etwa Kita-Erzieherinnen, ihre Schützlinge zu beobachten und bei Auffälligkeiten eine Kollegin oder einen Kollegen um eine Einschätzung zu bitten. In einem ersten Schritt bietet es sich dann an, das Gespräch mit den Erziehungsberechtigten, die das Kind bringen oder abholen kommen, zu suchen - und dabei vielleicht erst einmal mit einem unverfänglichen Thema zu beginnen.

Jugendamt muss Hinweisen nachgehen

Führt ein solches Gespräch nicht zu dem gewünschten Erfolg, müssen Erzieher bei einem konkreten Verdacht auf Kindeswohlgefährdung das zuständige Jugendamt kontaktieren. An diese Behörde können sich auch etwa Nachbarn oder Bekannte wenden, wenn sie sehr konkrete Hinweise darauf haben, dass es einem Kind in seinem häuslichen Umfeld nicht gut geht. Das Jugendamt ist verpflichtet, den Hinweisen nachzugehen. Hinweise können übrigens auch anonym erfolgen. Der eigene Name taucht dann in der Akte nicht auf.

Stand: 26.07.2021, 19:23

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