Rente mit 68: Länger arbeiten wegen höherer Lebenserwartung?

Rente mit 68: Länger arbeiten wegen höherer Lebenserwartung?

Mitten im Wahlkampf fordern Experten des Wirtschaftsministeriums, das Renteneintrittsalter auf 68 anzuheben - und werden sofort zurückgepfiffen. Was sind die Gründe? Und gibt es Alternativen?

Berater der Bundesregierung haben rund drei Monate vor der Bundestagswahl eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 68 Jahre bis zum Jahr 2042 vorgeschlagen. Es drohten sonst "schockartig steigende Finanzierungsprobleme in der gesetzlichen Rentenversicherung ab 2025", erklärte der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium. Die Reaktionen aus der Politik waren überwiegend ablehnend. Sogar Wirtschaftsminister Peter Altmaier distanzierte sich per Twitter von dem Vorschlag. Worum geht es überhaupt? Fragen und Antworten.

Welche Altersgrenzen für die Rente gelten aktuell?

Die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge wird bereits seit 2012 und noch bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Der Jahrgang 1955 kann zum Beispiel aktuell im Alter von 65 Jahren und neun Monaten in Rente gehen.

Ab 2024 wird die Altersgrenze beginnend mit dem Jahrgang 1959 weiter angehoben. Für Versicherte ab Jahrgang 1964 gilt dann die Regelaltersgrenze von 67 Jahren. Dieser Jahrgang kann also erst im Jahr 2031 in Rente gehen, wenn er keine Abschläge hinnehmen will.

Wo genau liegt das Problem?

Aufgrund der demographischen Entwicklung wird das bisherige Rentenmodell, der sogenannte "Generationenvertrag", Wirtschaftsexperten zufolge in naher Zukunft an seine Grenzen stoßen. Die niedrige Geburtenrate und die steigende Lebenserwartung führten dazu, dass der Altersquotient, also das Verhältnis der Bevölkerung über 65 Jahren zu den 20- bis 64-Jährigen, von derzeit etwa 36 Prozent auf über 58 Prozent im Jahr 2060 ansteigen wird.

Wegen des Eintritts der Generation der Babyboomer in die Rente müssten zwei Drittel dieses Anstiegs schon in der Zeit von 2025 bis 2035 verkraftet werden, heißt es. Die Jungen müssten mit ihrer Arbeitskraft also immer mehr Alte mitfinanzieren.

Was genau schlagen die Experten vor?

Zwar hat sich in der Öffentlichkeit das Schlagwort "Rente mit 68" durchgesetzt. In Wirklichkeit soll sich das Rentenalter aber an der durchschnittlichen Lebenserwartung orientieren. Das Ziel ist, dass das Verhältnis der in Arbeit und in Rente verbrachten Lebenszeit konstant bleibt.

Gemäß den derzeitigen Prognosen der Lebenserwartung werde mit einer solchen Regel im Jahr 2042 ein Renteneintrittsalter von 68 Jahren nötig, haben die Experten berechnet. Falls bis dahin wider Erwarten die durchschnittliche Lebenserwartung sinkt, wäre auch ein früheres Rentenalter wieder möglich.

Wie teuer ist die Rentenversicherung heute schon?

Im Jahr 2019 flossen knapp 26 Prozent des Bundeshaushalts in die Rentenversicherung. Wenn Rentenhöhe und Beitragssätze auf heutigem Niveau bleiben sollen, müsste dieser Anteil bis 2040 auf über 44 Prozent und bis 2060 auf über 55 Prozent steigen. Das würde den Bundeshaushalt sprengen und wäre auch mit massiven Steuererhöhungen nicht finanzierbar, warnen die Experten der Bundesregierung.

Wie sind die Reaktionen aus der Politik?

Wie erwartet: empört. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz warf dem Wissenschaftliche Beirat beim Wirtschaftsministerium vor, "falsch gerechnet" zu haben. Die Beiträge zur Rentenversicherung seien derzeit viel geringer als einst vorhergesagt. Zudem sei die Zahl der Einwohner und der Erwerbstätigen nicht wie prognostiziert gesunken, sondern gestiegen, betonte Scholz.

Auch bei der CSU im Bundestag gibt es offenbar kein Interesse an einer Diskussion über eine Reform der Rente: CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sprach am Dienstag von einer "verfehlten Debatte". Alternativvorschläge, wie die Rente ohne eine übermäßige Belastung der jüngeren Generation neu geregelt werden könnte, gab es nicht.

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Wie reagieren die Studienautoren auf die Proteste?

Eher gelassen. "Die Art von Nervosität, die im Augenblick im Vorwahlkampf ist, die hat uns dann schon überrascht", erklärte Axel Börsch-Supan, Mitglied des Expertengremiums, am Mittwoch im WDR-Morgenecho. Grundsätzlich müssten alle Zahlen und Daten, die in der Studie genannt werden, der Politik längst bekannt sein. Die Diskussion über das Thema sei wichtig, weil alle Rentenfragen möglichst mit 20 Jahren Vorlauf geplant werden müssten.

Rente mit 68: "Das ist ja nichts Neues"

WDR 5 Morgenecho - Interview 09.06.2021 05:44 Min. Verfügbar bis 09.06.2022 WDR 5


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Wie soll die Rente mit 68 in Berufen klappen, in denen körperlich hart gearbeitet wird?

Sollte es zu einer Reform kommen, ist es durchaus denkbar, dass Ausnahmeregeln geschaffen werden, beispielsweise für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr oder nicht länger arbeiten können. Solche Regelungen gibt es bereits nach geltendem Recht mit der Erwerbsminderungsrente.

Derzeit ist es ebenfalls möglich, vor Beginn des offiziellen Renteneintrittsalters in Rente zu gehen. Die volle Rente bekommt allerdings dann nur, wer 45 Jahre lang in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Alle anderen müssen Abschläge hinnehmen für jeden Monat, den Betroffene früher in den Ruhestand gehen.

Gibt es Möglichkeiten, die gesetzliche Rente zu entlasten?

Möglicherweise könnten die skandinavischen Länder ein Vorbild sein. Dort zahlen die Bürger Beiträge in einen Staatsfond ein. Ähnlich wie bei Betriebsrenten wird das Geld gewinnbringend investiert: zum Beispiel in Unternehmensbeteiligungen oder in Aktien. Trotz Niedrigzinsen und Corona konnte zum Beispiel der norwegische Staatsfond im Jahr 2020 hohe Spekulationsgewinne ausweisen.

Stand: 09.06.2021, 09:14

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