Mehrwertsteuer-Senkung: erstes Fazit nach vier Wochen

Etikett mit der Aufschrifft Wumms Steuer runter

Mehrwertsteuer-Senkung: erstes Fazit nach vier Wochen

  • Branchen sind unterschiedlich zufrieden
  • Viel Aufwand - gleicher Umsatz bei Lebensmitteln
  • Handelsexperte: Senkung ist kein sicherer Konsummotor
  • Preisanalyse von WDR aktuell mit speziellem Warenkorb

Ralf Kohns fliegt ein Lächeln übers Gesicht, als er auf den Umsatz im Juli angesprochen wird. Ein guter Monat war das für seinen Elektronik-Fachmarkt in Solingen. In der ersten Woche habe sich die Kaufzurückhaltung der Kunden aufgelöst. Vor allem Computerzubehör, Fernseher und Spülmaschinen waren die Renner in Sortiment. "Das hängt sicherlich damit zusammen, dass die Menschen viel Zeit zuhause verbringen", mutmaßt der Händler.

Es geht um das Vertrauen der Kunden

Ralf Kohn in seinem Geschäft

Ralf Kohns, Besitzer des Fachmarktes

Dass er seinen Kunden die Mehrwertsteuersenkung weitergibt, ist für Kohns eine Frage des Vertrauens. Das sollen seine Kunden nicht verlieren. Der Fachmarkt in Solingen gehört zu den Gewinnern der Steuersenkung bis Ende 2020. Inhaber Kohns vertraut der Senkung. Er rechnet damit, im Dezember noch einmal Boom zu erleben, bevor die günstigere Mehrwertsteuer ein Ende haben wird.

Im Geschäft selbst aber sind die Preisschilder nicht verändert worden. Ein Zusatzschild erklärt den Kunden, dass der günstigere Betrag an der Kasse ausgewiesen wird. Zu hoch wäre der Aufwand gewesen, dies bei mehreren Hundert Produkten zu machen, die im Laden hängen, erklärt Kohns und zeigt dabei auf die Wand mit Handy-Zubehör.

Mehr Kosten, gleicher Umsatz

Ein ganz anders Bild ein paar Hundert Meter weiter: im Supermarkt von Thomas Pauls im Kellergeschoss eines Solinger Einkaufszentrums. Hier wurde jeder Preis an den Regalen neu ausgezeichnet, sagt der Inhaber. Gemacht hat er das ebenso, um kein Vertrauen bei seiner Kundschaft zu verlieren. Auch wenn es ihm zunächst Kosten beschert hat, weil mehrere Mitarbeiter einen Tag die neuen Preisschilder stecken mussten. Doch die Steuersenkung ist für ihn kein Gewinn. Die Kunden kaufen genauso ein wie immer.

Mehr Geld im Portemonnaie wäre besser gewesen

Thomas Pauli in seinem Supermarkt

Thomas Pauli, Supermarkt-Inhaber

Tatsächlich interessieren sich viele Kunden nicht für die Steuersenkung. "Das sind doch sowieso nur ein paar Cent", sagt ein junger Mann an der Kasse, "da achte ich gar nicht drauf." Supermarkleiter Thomas Pauli hätte sich statt der Mehrwertsteuersenkung von der Bundesregierung lieber eine andere Maßnahme gewünscht: "Eine Senkung der Lohnsteuer und ein Anheben der Sozialleistungen, da hätte der Endverbraucher mehr von gehabt." Und die Kauflaune mehr gesteigert, denkt er.

Teuer aber wenig wirksam

Der Handelsforscher Marco Atzberger vom Eurohandelsinstitut in Köln kommt zu einer ähnlichen Einschätzung. Für ihn ist die Steuersenkung ein teures, aber wenig wirksames Instrument. Konsumforscher der GfK in Nürnberg hatten beobachtet, dass der Konsum wieder anzieht. Ob das Plus der Senkung geschuldet sei, ist für Atzberger aber nicht klar.

Mit Warenkorb die Preisentwicklung im Blick

WDR aktuell beobachtet die Mehrwertsteuersenkung selbst mit einem Mikrowarenkorb. Dort zeigt sich, dass im stationären Handel, also Supermarkt, Discounter und Elektrofachmarkt die Senkung zum größten Teil weitergegeben wird. Auch wenn es ein paar Ausreißer gibt. Das sind zum Beispiel frische Lebensmittel. Und Sonderangebote werden bislang nicht genutzt, um anschließend unbemerkt den Preis anzuheben.

* Der Inhalt der Verpackungseinheit wurde während des Vergleichs verändert/ ** Sonderangebotspreis bei der ersten Abfrage/ *** Sonderangebotspreis in der aktuellen Abfrage

*** Bis Ende Juni galt im Kino ein Corona-Sonderrabatt

So kommt unser Warenkorb zustande

Grundlage unserer Stichprobe ist der von Statistik Austria entwickelte Mikrowarenkorb, den es so in Deutschland nicht gibt. Hier sind Warengruppen des täglichen Bedarfs aufgelistet. Diese haben wir um zwei Warengruppen für Elektrogeräte ergänzt und andere dafür weggelassen. Für jede Warengruppe wurden konkrete Produkte ausgewählt. Die Produktnamen nennen wir bewusst nicht, um eine Beeinflussung des Herstellers auszuschließen.

Von den ausgewählten Produkten erheben wir regelmäßig mindestens einmal pro Monat die Preise vor Ort in definierten Filialen eines Supermarktes (Edeka) und eines Discounters (Aldi Nord) in Solingen. Hinzu kommen Preise für Produkte, Dienstleistungen und Gebühren, etwa eine Eintrittskarte fürs Kino oder ein Parkschein für Auto.

Stand: 31.07.2020, 06:00

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