Kommentar: Überfordert der Tarifvertrag die Metallbranche?

Fahnen bei einer Warnstreikkundgebung der IG Metall.

Kommentar: Überfordert der Tarifvertrag die Metallbranche?

Die Arbeitgeber der Metall- und Elektrobranche drohen, aus dem Flächentarifvertrag auszusteigen: Die Gewerkschaft IG Metall überlaste mit ihren Forderungen die Betriebe. Doch das stimmt so nicht, sagt Wolfgang Landmesser im Kommentar.

Es war ein Tiefschlag des Metallarbeitgeberpräsidenten: Der IG Metall seien ihre – Zitat – „vermeintlichen Errungenschaften“ wichtiger als Jobs, Standort und Investitionen. Die Kritik von Rainer Dulger in der Süddeutschen Zeitung macht sich vor allem an der Freizeitregelung fest – zentral für die IG Metall beim letzten Tarifvertrag: Beschäftigte können einen Gehaltszuschlag in Freizeit umwandeln – wenn sie sich mehr um ihre Kinder kümmern wollen, ihre kranken Eltern pflegen müssen oder besonders durch Schichtarbeit belastet sind.

WDR-Redakteur Wolfgang Landmesser

WDR-Redakteur Wolfgang Landmesser

In der modernen Arbeitswelt ist das aber kein unangemessener Luxus. Es ist im Gegenteil auch im Interesse der Unternehmen, ihren Beschäftigten mehr Flexibilität zu bieten, damit sie Job und Privatleben besser in Einklang bringen können. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels kann es auch ein zusätzliches Argument sein, bei einer Firma anzuheuern. Mehr Arbeitsflexibilität haben die Arbeitgeber an anderer Stelle sogar gefeiert: Das neue Recht auf eine befristete Teilzeit – sei ein „innovativer Tarifbaustein“ hieß es vor eineinhalb Jahren.

Natürlich kann das in der betrieblichen Praxis für Probleme sorgen – etwa wenn zu viele Mitglieder eines Expertenteams die Freizeitoption ziehen und kurzfristig kein Ersatz zu bekommen ist. Aber der Tarifvertrag bietet Spielraum für kreative Lösungen; über die Zeit dürfte sich das einspielen, wie so oft bei neuen Regeln.

Ein Punkt sollte aber auch die Gewerkschaft nachdenklich machen: Je mehr Regelungen sie in den Tarifvertrag reinverhandelt, desto komplizierter wird es gerade für kleine Firmen sie auch umzusetzen. Vor allem darüber haben sich viele Unternehmen nach dem letzten Tarifabschluss bei ihrem Verband beschwert. Speziell in NRW hat das offenbar kaum eine Firma zum Austritt bewegt; die Kritik an überkomplexen Tarifverträgen ist aber ein deutliches Warnsignal.

Stand: 23.07.2019, 19:51

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