Spritpreise steigen weiter - brauchen wir autofreie Tage?

Stand: 06.03.2022, 16:28 Uhr

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine treibt die Spritpreise ungebremst in die Höhe. Das trifft besonders die Pendler. Was hilft gegen die Kostenexplosion?

"Es ist toll, dass alle Welt die Ukraine unterstützt und ihre Solidarität bekundet", schreibt ein User dem WDR. "Aber bei den wahnsinnigen Spritpreisen kann ich mir die Fahrt als Schwerbehinderter zur Arbeit nicht mehr leisten." Er fragt: "Wie sollen wir anderen helfen, wenn der kleine Mann sich und seine Familie nicht mehr ausreichend ernähren kann?"

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Tatsächlich steigen die Preise auf dem Ölmarkt heftig weiter, während Russland Krieg gegen die Ukraine führt. Und derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass Wladimir Putin seinen Überfall stoppt. Daher stellen sich für die knapp fünf Millionen Pendler in NRW weiterhin viele Fragen.

Wie teuer wird der Sprit noch?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle. Bei Kriegsbeginn am 24. Februar lagen die Spritpreise im bundesweiten Tagesdurchschnitt bereits bei Allzeithochs von 1,750 Euro je Liter Super E10 und 1,663 Euro je Liter Diesel. Bereits zu diesem Zeitpunkt ging ADAC-Kraftstoffmarktexperte Jürgen Albrecht von weiteren Höchstpreisen aus.

Ein Benzinpreis von zwei Euro im bundesweiten Tagesdurchschnitt sei aber "in absehbarer Zeit nicht zu erwarten", sagte Albrecht damals. "Dafür müsste der Ölpreis in ganz andere Größenordnungen vordringen, als er das zuletzt getan hat." Aber nur zehn Tage später haben die Preise am Sonntag bei manchen Tankstellen in NRW schon die Zwei-Euro-Grenze überschritten oder liegen nur knapp darunter.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Opec, die Organisation erdölexportierender Länder, ihre Fördermengen nicht erhöhen will. Dem Kartell gehört auch Russland an. Somit fehlt ein größeres Öl-Angebot, das den Preis drücken könnte.

Was bringt die Freigabe der nationalen Ölreserven?

Um den heftigen Preisanstieg zu bremsen, hat die Bundesregierung bereits am Dienstag einen Teil der nationalen Ölreserve freigegeben. "Grundsätzlich kann eine Freigabe der Reserven den Preisanstieg am Ölmarkt durchaus dämpfen", sagte Ralf Umlauf, Ökonom und Rohstoffexperte bei der Helaba.

Das hänge aber immer von der freigegebenen Ölmenge ab. Deutschlands Reserven allein reichten dafür nicht aus. Aber eine konzertierte Aktion könnte von EU und USA könne sich günstig auf die Preise auswirken

Sollen Mineralölsteuer und andere Abgaben gesenkt werden?

Der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Carsten Linnemann fordert eine rasche Absenkung der Mehrwertsteuer "auf sieben Prozent oder vielleicht noch mehr". Im ZDF-Morgenmagazin sagte er am Sonntag, dass auf diese Weise vor allem Verbraucher mit wenig Einkommen entlastet werden müssten.

Ein solcher Schritt könnte die Spritpreise stabilisieren. Bereits Mitte Februar hatte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) eine Senkung der Mineralölsteuer gefordert. Doch eine Senkung der Energiepreise ist umstritten.

Das Absenken der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent bei Energieprodukten wie Benzin und Diesel könne eine Entlastung von insgesamt 20 Milliarden pro Jahr bringen - sagte der Volkswirtschaftler Martin Beznowska vom IW Köln am Sonntag dem WDR. Das habe den Vorteil, dass die Maßnahme sich sofort im Portemonnaie auswirke. Der Nachteil sei aber, dass dies auf die Dauer zu teuer sei.

Zudem stiegen die Preise wieder sprunghaft an, sobald die Absenkung zurückgenommen werde. Damit verpuffe der Effekt. Beznowska plädierte stattdessen dafür, bei der Einkommenssteuer anzusetzen. Um die Kaufkraftverluste auszugleichen, müsste das Volumen das von der Ampel geplante Entlastungspaket mindestens doppelt so groß sein wie bislang angedacht.​

Auch die Wirtschaftsjournalistin Silvia Liebrich sieht eine Absenkung der Mineralölsteuer und andere Abgaben kritisch. Das sei "ein völlig falsches Signal", schrieb sie am Samstag in der "Süddeutschen Zeitung". Autofahrer müssten zum Sparen angehalten werden. "Wer nicht schneller als 120 fährt, braucht deutlich weniger Treibstoff und kann damit im besten Fall steigender Preise auffangen."

Russlandkrise: Lehre für den Klimaschutz

WDR 5 Politikum - Kommentar 01.03.2022 02:04 Min. Verfügbar bis 01.03.2023 WDR 5 Von Tanja Busse


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Was ist mit autofreien Tagen?

Besonders viel Sprit ließe sich einsparen, wenn Autos zeitweise gar nicht mehr bewegt werden. Historisches Vorbild ist die sogenannte Ölkrise: In den 1970er-Jahren lieferten arabische Förderländer weniger Öl, um den Westen unter Druck zu setzen. Die Antwort waren autofreie Sonntage.

Dadurch wurde der Ölverbrauch vorübergehend stark reduziert. Das meiste Öl wird im Straßenverkehr verbraucht. Allerdings könnten Einschränkungen der Mobilität auf erhebliche Kritik stoßen.

Was kann ich selbst tun?

Jede Verbraucherin und jeder Verbraucher hat seine Kosten bis zu einem gewissen Grad auch selbst in der Hand. Es gibt Tank-Apps, mit denen man sich minutengenau die aktuellen Preise der Tankstellen in seiner Umgebung oder entlang einer geplanten Route anzeigen lassen kann. Dazu gehören zum Beispiel "Mehr tanken", "Clever tanken" und "ADAC Spritpreise".

Wer nicht auf das Auto verzichten kann, hat die Möglichkeit, seine Fahrweise zu optimieren. Das bedeutet: Zügig beschleunigen und dann mit niedrigen Drehzahlen, die Geschwindigkeit beibehalten. Wichtig sind auch der korrekte Reifendruck und das Abschalten von Klimaanlagen und Sitzheizungen. So kann bis zu 20 Prozent Sprit gespart werden.

Über dieses Thema berichteten wir am 06.03.2022 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde 18.45 Uhr.

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