Gas nur gegen Rubel - was passiert bei einem Lieferstopp?

Stand: 29.03.2022, 16:17 Uhr

Russlands Präsident Wladimir Putin droht, Gaslieferungen an Deutschland und andere Staaten zu stoppen. Der Grund: Diese Länder lehnen die geforderte Bezahlung in Rubel ab. Was ein sofortiger Lieferstopp bedeuten würde.

Von Jörg Marksteiner

"Keine Bezahlung - kein Gas", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow unlängst dem amerikanischen TV-Sender PBS. Moskau wolle die endgültige Antwort der EU abwarten und dann die nächsten Schritte festlegen. "Wir beabsichtigen aber auf keinen Fall, uns als Wohltäter zu zeigen und Westeuropa kostenloses Gas zu liefern", betonte Peskow.

Ab wann könnte Russland die Gaslieferungen stoppen?

Es gibt keinen Automatismus mit einem festen Abschaltdatum. Spannend wird es aber ab Donnerstag. Denn vor einer Woche hatte Putin den Lieferanten Gazprom und die Notenbank angewiesen, Regularien und Abwicklungsmodalitäten für eine Bezahlung in Rubel zu entwickeln - "innerhalb einer Woche". Dieser genannte Rahmen würde am Mittwoch auslaufen.

Bislang ist allerdings nicht bekannt, dass westliche Importeure entsprechende Schreiben mit neuen Hinweisen, Warnungen oder ähnlichem erhalten haben. Die europäischen Firmen beharren ohnehin auf der Einhaltung der Verträge. Die sehen überwiegend eine Zahlung in Euro und Dollar vor, bei einem kleinen Teil auch in britischen Pfund.

Für wen gilt die Forderung "Gas nur gegen Rubel"?

Nur für aus russischer Sicht "unfreundliche Staaten" wie die Länder in der EU. Indien beispielsweise, das sich bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat enthalten hatte, zahlt weiter in Euro, heißt es in der Branche.

Reichen die Gasvorräte in Deutschland bei einem Lieferstopp?

Nur eine sehr begrenzte Zeit. Derzeit sind die 47 unterirdischen, von Privatfirmen betriebenen Speicher zu 26 Prozent gefüllt, wie aus Daten der europäischen Übersicht für Gasspeicherdaten, AGSI, hervorgeht. Das würde angesichts von Jahreszeit und Temperaturen reichen, um bei einem Lieferstopp aus Russland kein Heizproblem in Privatwohnungen zu bekommen, heißt es in der Energiewirtschaft. Zumal Norwegen und die Niederlande sowie Exporteure von Flüssiggas weiter liefern.

Allerdings sind die Speicher eher als Wintervorrat gedacht: Eigentlich beginnt im Frühjahr die Zeit, um die Poren- und Kavernenspeicher wieder für die nächste Kälteperiode zu befüllen. Deshalb würde ein weiteres Schrumpfen der Vorräte jetzt die Probleme im nächsten Winter vergrößern.

Dazu kommt: Etwa ein Drittel des Erdgases wird in der Industrie verwendet. Diese Mengen können nicht komplett aus den Speichern ersetzt werden.

Welche Firmen wären von einem Gas-Stopp besonders betroffen?

Vor allem die chemische Industrie, mit Chemieparks wie in Leverkusen oder Marl, zählt zu den großen Nutzern von Erdgas. Käme es dort zu Produktionsunterbrechungen, könnte das aber auch viele andere Branchen treffen. Denn Chemiefirmen liefern häufig Grundstoffe und Vorprodukte, ohne die andere Firmen nicht weiterarbeiten können. Es droht also ein Domino-Effekt.

Andere Probleme gibt es zum Beispiel in der Stahl- oder Metallverarbeitung: Manche Prozesse lassen sich dort nicht so einfach unterbrechen, ohne dass ein großer Schaden entsteht: etwa beim Einschmelzen von Glas oder beim Beschichten mit Zink. Diese Stoffe werden meist bei sehr hohen Temperaturen flüssig gehalten. Wenn sie erkalten, weil das Gas zum Heizen fehlt, würden sie erstarren und erhebliche Teile der Anlagen beschädigen.

Bei der Düngemittelproduktion wiederum wird Erdgas als Rohstoff mit dem Bestandteil Methan benötigt.

Wer entscheidet im Notfall über die Gas-Zuteilung?

Die Bundesnetzagentur in Bonn, zusammen mit anderen Behörden. Das ist im Nationalen Notfallplan Gas festgelegt. Sie dürfte in einem extremen Krisenszenario den Energieversorgern sogar Anweisungen erteilen, wer bevorzugt Gas erhält.

Wichtig: Private Haushalte sind besonders geschützt, ebenso etwa Krankenhäuser oder Altenheime. Sie würden als letzte vom Netz genommen. Zuerst würde es Firmen treffen, die so genannten "unterbrechbare Verträge" abgeschlossen haben. Danach Gaskraftwerke, die zur Stromerzeugung nicht systemrelevant sind. Als nächstes träfe es die Industrie.

Eine genaue Abschaltreihenfolge von Unternehmen ist öffentlich nicht bekannt. Es sollen aber Vorabgespräche bereits erfolgt sein - um beispielsweise auszuloten, welche Firma eigentlich wie viel Gas verbraucht, und ob die Produktion unterbrochen werden kann.

Lässt sich russisches Gas ersetzen?

Kurzfristig ist das schwer. Der Verband der Energiewirtschaft BDEW schätzt, dass etwa die Hälfte der russischen Lieferungen ersetzt oder eingespart werden könnte. Von Januar bis März kamen rund 40 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases aus Russland.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat den Zeitraum bis 2024 genannt, um komplett unabhängig von russischem Gas zu werden. Dafür müssen neue Liefervereinbarungen geschlossen werden. Hauptlieferland Nummer zwei nach Russland, Norwegen, fördert bereits am Limit. Auch die Niederlande können die russischen Mengen nicht kurzfristig ersetzen.

Seit März legen verstärkt Tanker mit Flüssiggas, etwa aus den USA, in Europa an. Auch Länder wie Australien, Katar oder Malaysia exportieren Gas verflüssigt per Schiff. Allerdings: Ein Tanker bringt etwa die Menge, die mit der Pipeline Nord Stream 1 an einem Tag ankommt - so viele Tanker wären kurzfristig nicht verfügbar. Auch die Slots an den Einspeiseterminals in Europa sind bis Ende März ausgebucht.

Deutschland hat auch heimische Erdgasvorräte, etwa in Niedersachen. Die Nutzung ist aber umweltpolitisch umstritten und ebenfalls nicht kurzfristig erweiterbar. Deutlich unabhängiger wäre die Versorgung durch den Einsatz von Wasserstoff, der mit Wind und Sonne erzeugt wird, und der Verzicht auf Gas durch die Nutzung erneuerbarer Energien.

Über dieses Thema berichten wir am 29.3. in der Aktuellen Stunde im WDR-Fernsehen.

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