100 Tage Brexit: "Es ist das totale Chaos"

100 Tage Brexit: "Es ist das totale Chaos"

Von Lena Sterz

Seit 100 Tagen sind Großbritannien und die EU geschieden. Seitdem merken viele Briten in NRW, wie kompliziert das ihr Leben macht.

Gary Blackburn (57) ist ein durch und durch optimistischer Mensch, sagt er und liefert direkt den Beweis: Mitten in der Corona-Pandemie hat der gebürtige Brite in Vettelschoß, an der Grenze zu NRW, ein Hotel im britischen Stil eröffnet.

Hier will er demnächst im Queen-Zimmer wieder Touristen empfangen, die England genauso vermissen wie er. Aber seitdem zu Corona auch noch die Auswirkungen des Brexit gekommen sind, sagt er über sein Leben: "Es ist das totale Chaos."

Mangelware: Britische Baumpfleger

"England kommt mir auf einmal so weit weg vor wie Australien. Dabei bin ich doch damals extra hierher gekommen, weil es nicht so weit war." Der gebürtige Brite kam vor mehr als 30 Jahren als Baumpfleger nach Deutschland. Er machte sich selbstständig und beschäftigte andere britische Baumpfleger. Die seien besser ausgebildet.

Seit dem Brexit müssen Briten aber viel Papierkram erledigen, bevor sie in Deutschland arbeiten können, deshalb - und wegen der Corona-Pandemie - sei es jetzt schwer für ihn, an Fachkräfte zu kommen. "Corona war wie eine Backpfeife links, der Brexit wie eine Backpfeife rechts für mich."

Sechs Wochen warten auf ein Glas Honig

Und nicht nur Menschen haben es seit dem Brexit vor 100 Tagen schwer, von der Insel zu kommen: Blackburn hat auch Probleme, Ersatzteile für seine britischen Motorsägen und andere Maschinen zu bekommen. "Früher war alles innerhalb von zwei, drei Tagen da. Jetzt warte ich selbst auf ein Glas Honig sechs Wochen lang. Und dann ruft mich erstmal der Zoll an."

Graham Weale

Graham Weale lebt seit 14 Jahren in Deutschland

Der Handel macht auch Graham Weale Sorgen. "Ich habe große Ängste bezüglich der Zukunft des Handels", sagt der Honorarprofessor an der Ruhr-Uni Bochum. "Der Handel zwischen der EU und Großbritanien ist stark zurückgegangen."

Es sei nicht einfach zu sagen, ob dass nur am Brexit oder auch stark an der Corona-Pandemie liege. "Ich halte es für eine Fehlentscheidung, dass Großbritannien aus der EU ausgestiegen ist."

Deutsche Staatsbürgerschaft macht Urlaub leichter

Gary Blackburn beschäftigt neben den Handelsbeschränkungen auch, dass er in Großbritannien wohl längst gegen Corona geimpft wäre. Aber er lebt zu lange in Deutschland, um sich in seinem Geburtsland impfen zu lassen. Seit gut einem Jahr hat er die doppelte Staatsbürgerschaft.

"Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft so spät wie möglich beantragt. Ich wollte immer Engländer bleiben, aber zum Reisen in Europa ist der deutsche Pass besser." Er hofft, dass bald wieder mehr gereist werden kann, damit deutsche Touristen den Weg in sein britisch-deutsches Hotel finden. "Man muss gute Ideen in schlechten Zeiten haben," sagt er optimistisch.

Stand: 10.04.2021, 06:00

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