Kristian Golla arbeitet seit 1988 beim Netzwerk Friedenskooperative in Bonn und kümmert sich zu Ostern um die bundesweite Pressearbeit der Ostermärsche

Großer Zulauf bei den Ostermärschen? – Bleibt abzuwarten

Stand: 15.04.2022, 09:29 Uhr

Traditionell starten in Deutschland ab Gründonnerstag die Ostermärsche. Mit Demonstrationen, Fahrradtouren und Andachten werben Teilnehmende für Frieden und Abrüstung. Ein Gespräch mit Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative, unter welchem Stern die diesjährigen Ostermärsche stehen.

Mitten in Europa tobt seit Wochen ein Krieg – die Ukraine steht seit dem 24. Februar unter Dauerbeschuss von russischen Militäreinheiten. Was in Deutschland der Friedensbewegung, die in diesem Jahr wieder ihre traditionellen Ostermärsche veranstaltet, großen Zulauf bringen müsste. Aber kommt es tatsächlich so? Ein Gespräch mit Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative in Bonn.

WDR: Rechnen Sie bei den Ostermärschen 2022 mit einer höheren Teilnehmerzahl als in den Vorjahren?

Golla: Das ist schwer vorauszusagen. Es hängt von mehreren Faktoren ab. Nehmen Sie die Bilder von den Gräueltaten an Zivilisten in Butscha und in anderen ukrainischen Städten. Die Frage ist, welche Wirkung diese Bilder erzielen – machen sie einen ohnmächtig und damit tatenlos oder verleiten sie einen dazu, zu handeln und auf der Straße für Frieden zu demonstrieren?

WDR: Und welche Faktoren spielen sonst noch eine Rolle?

Golla: Es ist Ferienzeit. Viele möchten nach zwei Jahre Corona-Pandemie endlich mal wieder an Ostern verreisen und sich Urlaubsfreuden widmen. Da passt es dann oftmals nicht dem Demonstrieren für Frieden, auch wenn das theoretisch online möglich ist. Und dann gibt es noch einen ganz banalen Faktor. Nämlich das Wetter. Wenn es regnet, gehen nur die wenigsten vor die Tür.

Friedensdemonstrationen in NRW

Aufgrund des Einmarsches russischer Truppen in die Ukraine versammeln sich an vielen Orten in NRW Menschen, um Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung zu zeigen.

Köln, 27.02.2022: Viele Menschen demonstrieren mit Plakaten gegen den Krieg in der Ukraine

Viele Menschen kamen am Sonntag zu einer Solidaritätsveranstaltung am Kölner Dom zusammen.

Viele Menschen kamen am Sonntag zu einer Solidaritätsveranstaltung am Kölner Dom zusammen.

In einer Turnhalle in Dortmund stapeln sich unzählige Sachspenden - für die Menschen in der Ukraine. Gesucht werden Freiwillige, die die Spenden per Transporter nach Warschau oder zur polnisch-ukrainischen Grenze bringen.

In Solingen demonstrierten am Sonntag rund 500 Menschen für Frieden in der Ukraine.

Eine ungewöhnliche Aktion initiierten Landwirte aus Herford und Bielefeld: Sie formierten mit 85 Traktoren ein riesiges Friedenszeichen.

Eine der größten Ukraine-Friedensdemonstrationen in NRW fand am Samstag in Düsseldorf statt. Laut Polizei nahmen etwa 4.000 Menschen daran teil.

Ein bewegendes Bild: Teilnehmende der Düsseldorfer Demonstration knieten nieder für den Wunsch nach Frieden in der Ukraine.

"Hands off Ukraine" - Hände weg von der Ukraine: Das forderte ein Düsseldorfer Demonstrant auf seinem Protestplakat.

Die Menschen in Düsseldorf zeigten sich betroffen über Russlands Einmarsch in die Ukraine.

"Help Ukraine", helft der Ukraine - das stand am Samstag auf einem zusätzlich mit einem Herz versehenen Plakat von Teilnehmern einer Friedensdemonstration in Siegen.

Die unmissverständliche Aufforderung dieser Siegener Demonstrantin an Russlands Staatschef Wladimir Putin lautet: "Stop War" - Stop den Krieg. Die Botschaft untermalte ein Herz in den Farben der ukrainischen Nationalflagge.

Mit Wortspielen demonstrierten am Samstag Kölner Karnevalisten gegen den Krieg in der Ukraine: "Make FasteLOVEnd, not War", steht auf einem Plakat eines Demonstranten. "Stop Putin, Stop War" auf einem weiteren Transparent.

Botschaften und Kerzen gegen den Krieg in der Ukraine waren am Samstag in Münster zu sehen. In Anspielung an russische Energieimporte nach Deutschland ist dort unter anderem zu lesen: "Lieber frieren, als die Invasion zu finanzieren".

Schon am Freitag fand in Münster eine "Kundgebung für Frieden und gegen die russische Aggression" statt. Zahlreiche Münsteraner folgten dem Aufruf zum historischen Rathaus. Am Stadtweinhaus hängt seit Donnerstag für alle sichtbar die Europaflagge.

Entsetzen und Bestürzung hat der militärische Angriff gegen die Ukraine auch in Aachen ausgelöst. Die Stadt rief zu einer Solidaritätskundgebung auf. Trotz schlechten Wetters kamen hunderte Menschen. Seit Donnerstag hängt an der Aachener Rathausfassade zudem die ukrainische Flagge als sichtbares Zeichen für den Frieden.

Tausende Dortmunder kamen am Freitagabend zu einer Solidaritäts-Demo für die Ukraine auf den Friedensplatz. Unter dem Motto "Stand with Ukraine" protestierten sie gegen den russischen Angriffskrieg.

Die Solidarität der Stadt lässt sich auch am Dortmunder U erkennen. Statt der Brieftauben, die sich bisher zu jeder vollen Stunde in den Gefachen des Turms zeigten, sind dort ab sofort weiße Tauben zu sehen.

Vor dem alten Rathaus in Bonn versammelten sich rund 1.000 Menschen zu einer Mahnwache. Mehrere Parteien und Oberbürgermeisterin Katja Dörner (Grüne) hatten dazu aufgerufen. Sie ging in ihrer Rede auf die Menschen ein, die jetzt aus der Ukraine flüchteten, und sagte zu, dass die Stadt Geflüchtete aufnehmen werde.

Auch in den Kirchen war der Krieg in der Ukraine Thema. Zu einem Friedensgebiet in Bielefeld kamen rund 100 Menschen zusammen. Das Wahrzeichen der Stadt, die Sparrenburg, erstrahlte in den Farben der Ukraine - gelb und blau.

Auch in der Überwasserkirche in Münster gab es ein Friedensgebet. Dort zündeten Gläubige Kerzen an.

Bereits am Mittwochabend - Stunden vor dem russischen Angriff auf die Ukraine - hatte die NRW-Staatskanzlei in Düsseldorf in den ukrainischen Nationalfarben geleuchtet. Dazu empfing NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) die Generalkonsulin der Ukraine in Düsseldorf, Iryna Shum, zu einem Gespräch.

Ostermärsche – Frieden schaffen nur mit Waffen?

WDR 5 Tagesgespräch 14.04.2022 45:33 Min. Verfügbar bis 14.04.2023 WDR 5


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WDR: Lassen sich denn Menschen heutzutage noch dazu mobilisieren, in Scharen auf die Straße zu gehen und für den Frieden zu demonstrieren?

Golla: Grundsätzlich ja. Unmittelbar nach Beginn des Ukraine-Kriegs sind in Berlin sage und schreibe 500.000 Menschen auf die Straße gegangen und haben ihrer Wut und Empörung über die russischen Angriffe Luft gemacht. Kurze Zeit später hatte es auch in anderen Städten, unter anderem in Stuttgart, vergleichsweise große Friedensdemos gegeben – aber mit deutlich weniger Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Eines der Probleme ist, dass wir in Deutschland so allmählich an den Punkt der Gewöhnung kommen und sich künftig, sollte der Krieg andauern, womöglich noch weniger Leute bei Friedensdemos einfinden.

Triumph der Gewalt: Wie hilflos ist der Westen gegen Putin?

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WDR: Es gibt ja Aufrufe, Fahnen und Banner mit Friedenssymbolen ins Fenster oder vors Haus zu hängen.

Golla: Klar, das ist eine Möglichkeit, für Frieden zu demonstrieren. Aber die Frage ist ja, ob das im Internet-Zeitalter noch so angesagt ist, wo man schließlich auch Online-Petitionen für Frieden und Abrüstung unterzeichnen kann.

Friedensproteste und Anteilnahme bei den Paralympics

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WDR: Apropos Abrüstung. Halten Sie es für vertretbar, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern?

Golla: Auch wenn die Welt derzeit durcheinander geraten ist – wir lehnen Waffenlieferungen ab. Natürlich sehen wir, dass die Ukraine angegriffen wurde und sich verteidigen möchte. Aber jetzt dem Land schwere Waffen zu liefern, das halten wir für den falschen Weg. Damit schraubt sich die Eskalationskurve nur weiter nach oben. Beide Seiten müssen endlich ihre Waffen niederlegen und auf diplomatischem Weg versuchen, eine Lösung zu finden.

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WDR: Das klingt gut, was Sie sagen, nur: Es sieht momentan nicht danach aus.

Golla: Gewalt ist niemals zielführend. Um den Druck zu erhöhen, dass endlich die Waffen ruhen, sollte der Westen eher noch einmal die Sanktionen als nicht miliitärisches Mittel verschärfen und zum Beispiel ein Embargo gegen russisches Öl und Gas verhängen. So schwierig das Thema Sanktionen auch immer ist.

WDR: Welches Signal soll von den diesjährigen Ostermärschen ausgehen?

Golla: Unsere Forderung nach Frieden und Abrüstung ist aktueller denn je, auch mit Blick auf die nukleare Abrüstung. Wir dürfen nicht müde werden, dafür einzutreten und zu werben.

Das Interview führte Sabine Meuter.

Über dieses Thema berichten wir auch im WDR 5 Morgenecho von Donnerstag, 14.04.2022.

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