Tod eines Syrers: Schwere Vorwürfe gegen Behörden

Tod eines Syrers: Schwere Vorwürfe gegen Behörden

Von Boris Baumholt und Martina Koch

Nach dem Tod des jungen Syrers in einer Gefängniszelle äußert sich erstmals dessen Anwalt öffentlich. Im WDR erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Behörden.

Als syrischer Kriegsflüchtling war Amad A. im vergangenen Jahr nach Deutschland geflohen. Er landete schließlich in Geldern am Niederrhein. Im Mai 2018 bekam der junge Mann die offizielle Anerkennung als Flüchtling - der WDR-Sendung "Westpol" liegen Unterlagen dazu vor. A. durfte also bleiben, hatte Zukunftspläne. Warum musste er sterben?

Anwalt Daniel Nierenz hatte den jungen Syrer im Asylverfahren betreut. Seiner Ansicht nach führte eine Kette aus Fehlern und Ignoranz zum tragischen Tod des 26-Jährigen.

Am 6. Juli wird Amad A. an einer Kiesgrube in Geldern von der Polizei festgenommen. Er soll vier Frauen sexuell belästigt haben. Beim Abgleich des Namens in der Datenbank stoßen die Beamten auf einen per Haftbefehl gesuchten Mann aus Mali, der einen ähnlichen Namen als Alias-Identität verwendet hat. Sie halten den Syrer Amad für den Gesuchten aus Mali. Für die Polizisten ist der Fall damit geklärt.

Der junge Mann kommt in die JVA Kleve. Auch hier fällt niemandem die Verwechslung auf. Für Daniel Nierenz, A.s Anwalt im Asylverfahren, nicht nachvollziehbar: "Aus meiner Sicht ist es eigentlich nicht möglich, einen Mann aus Syrien mit einem Mann aus Mali zu verwechseln. Denn Leute aus Mali sind in der Regel schwarz."

Hilferufe offenbar ignoriert

Nach jetzigem Ermittlungsstand hatte der 26-Jährige im Gefängnis mit niemandem außerhalb der Haftanstalt Kontakt - weder mit Freunden noch mit seinem Anwalt. Am 4. September, knapp zwei Wochen vor dem Zellenbrand, sucht er schließlich Hilfe bei einer JVA-Psychologin: Er sei Opfer einer Verwechslung, das könne man überprüfen. Die Psychologin leitet ein Protokoll weiter, doch die JVA unternimmt offenbar nichts.

"Er hat während der Haft ein einziges Mal einen Hinweis darauf gegeben, dass er nicht derjenige ist, der er sein soll", sagt NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU). Die Psychologin aber habe "daraus nicht den Schluss gezogen, danach handeln zu müssen".

"Nicht Einzelne verantwortlich machen"

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Sven Wolf reagiert empört: Der Justizminister könne nicht "einzelnen Personen in der JVA Kleve" die Verantwortung zuschieben. Erklären muss der Justizminister auch die Umstände des Brandes. Warum schickte die Staatsanwaltschaft Kleve erst zweieinhalb Wochen später einen Sachverständigen in die JVA?

Es sei "unbeschreiblich", sagt Anwalt Nierenz, "dass jemand zwei Monate in einer JVA verwahrt wird und sich keiner darum kümmert, wer er eigentlich ist, welche Probleme er hat und ob der Vorwurf zu der Person passt." Ob den Tod nur Einzelne oder ein ganzes System zu verantworten haben, muss jetzt aufgeklärt werden.

Stand: 07.10.2018, 20:35

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