Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Paderborn: Gebilligt und weggesehen

Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Paderborn: Gebilligt und weggesehen

Sowohl Kirche als auch Gesellschaft haben bei Fällen sexualisierter Gewalt weggeschaut und Straftaten hingenommen. Das ist die Zwischenbilanz einer Studie der Universität Paderborn im Auftrag des Erzbistums.

Seit Februar 2020 untersuchen die Historikerinnen Christine Hartig und Prof. Nicole Priesching die Machtbeziehungen und Strukturen, die sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen gefördert und Aufklärung verhindert haben. Erste Ergebnisse der Studie, die das Erzbistum Paderborn in Auftrag gegeben hat, zeigen, dass Kirche und Gesellschaft systematisch weggesehen und Straftaten gebilligt oder hingenommen haben.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Bislang haben die Wissenschaftlerinnen 160 Beschuldigte im Zeitraum von 1941 bis 2002 für das Erzbistum Paderborn identifiziert. Diese sollen in den Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt mehr Kindern sexualisierte Gewalt angetan haben als bisher angenommen.

Konkrete Opferzahlen können die Historikerinnen nicht nennen: In den Personalakten der Priester seien Namen oft nicht kenntlich gemacht. Außerdem sei nicht immer versucht worden, alle Opfer zu ermitteln. „Da ist noch viel stärker als bei den nicht erfassten Beschuldigten mit einer Dunkelziffer zu rechnen“, sagt Nicole Priesching. Relevante Informationen fehlen laut der Studie in kirchlichen genauso wie in weltlichen Akten.

Sexuelle Gewalt: "Kirche vom Thron stürzen"

WDR 5 Morgenecho - Interview 08.11.2021 07:07 Min. Verfügbar bis 08.11.2022 WDR 5


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Druck auf Kinder und Familien

Dass es oft nicht zur Strafverfolgung gekommen ist, lag nicht nur daran, dass es einen untätigen Erzbischof in Paderborn gab, sondern an vielen anderen Hürden“, berichtet Christine Hartig weiter. In vielen Familien sei den Kindern nicht geglaubt worden. "Wenn sie versucht hätten, sich zu schützen und etwa nicht mehr zum Ministrantenunterricht gegangen seien, hätten manche Eltern Druck ausgeübt, dass sie dorthin gehen.

Im Falle einer Strafanzeige seien Familien oft an Ermittlungsbehörden geraten, die ihnen nicht geglaubt und den Kindern gedroht haben.  

Kein Mitgefühl für die betroffenen Kinder

Insgesamt stellen die Wissenschaftlerinnen fest, dass es eine Fürsorge für die Beschuldigten gegeben habe, teilweise auch schriftlich ausgedrücktes Mitgefühl, aber nicht gegenüber den Betroffenen. „Es gab keinerlei Sensibilität für den Schaden, den die Kinder genommen haben. Nicht nur im Erzbistum, auch vor Gericht nicht“, sagt Hartig. Vielmehr habe man den Schaden bei den Klerikern gesehen und versucht, sie davor zu bewahren.

Bei den Tätern, den beschuldigten Priestern, habe das Erzbistum durch Versetzungen in Kauf genommen, dass sich Dinge andernorts wiederholen, erklären die Wissenschaftlerinnen. „In manchen Fällen hat es Vereinbarungen mit Staatsanwaltschaften gegeben, dass auf Bewährung verurteilte Täter nicht mehr in Gemeinden eingesetzt werden sollen, und dennoch ist das geschehen“, so Priesching. Auch vom Erzbistum sei Druck auf Betroffene und ihre Familien ausgeübt worden, keine Anzeige zu erstatten.

Erzbistums Paderborn befürwortet Aufklärung

Erzbischof Hans-Josef Becker hat auf die Zwischenergebnisse der Studie zu Missbrauchsfällen im Erzbistum reagiert. Er werde sie jetzt nicht kommentieren, stelle sich aber der Verantwortung. "Ich befürworte die unabhängige Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und bin unbedingt an den Erkenntnissen dieser wissenschaftlichen Studie aus historischer Sicht interessiert", teilte er in einer schriftlichen Stellungnahme mit.

Die beiden Forscherinnen hätten freien Zugang zu den verfügbaren Informationen und Akten, um einen unabhängigen Aufarbeitungsprozess zu gewährleisten, heißt es weiter. Die Zwischenstände der Untersuchung lasse er aber bewusst unkommentiert, da er auf die unabhängige Forschungsarbeit keinen Einfluss nehmen wolle.

Laien fordern konsequente Aufklärung

Nadine Mersch, Vertreterin der Laien im Erzbistum Paderborn, fordert zusätzlich zur Studie konsequente Aufklärung: "Es braucht beispielsweise dringend die Einrichtung eines Betroffenenbeirates und auch einen anderen Umgang mit dem Thema. Die Opfer müssen mehr in den Fokus geraten. Es darf nicht das Image der Kirche im Vordergrund stehen."

Gabriela Joepen ist im Erzbistum die Ansprechperson für Betroffene. An sie können sich Missbrauchsopfer wenden. Und das tun sie - manchmal sogar erst nach 40 oder 50 Jahren. Denn: "Man darf ja nicht vergessen: Wenn es Kinder betroffen hat, gerade auch im Heim-Kontext, in Heim-Unterbringung, waren die manchmal erst in einem Alter, wo sie einen Missbrauch überhaupt nicht einordnen konnten, weil ihnen jegliches Wissen aufgrund des Alters fehlte. Das heißt, dass ihnen erst viel später bewusst wird, was passiert ist."

Paderborner Studie auf vier Jahre angelegt

Die Untersuchung „Missbrauch im Erzbistum Paderborn – Eine kirchenhistorische Einordnung. Die Amtszeiten von Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt (1941-2002)“ ist auf vier Jahre angelegt. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die von ihren Erfahrungen berichten möchten, können sich an die Historikerinnen wenden.

Stand: 07.12.2021, 20:30