Kriegsdienstverweigerer in Deutschland: Der Beginn des Zivildienstes

Einer der ersten Zivis

Kriegsdienstverweigerer in Deutschland: Der Beginn des Zivildienstes

Am 10. April 1961 tritt der junge Karl Röcher aus Siegen seinen Zivildienst in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld an. Sein neues Leben: Sieben Tage die Woche Arbeit. Plus Nachtschicht.

Vor 60 Jahren treten die ersten Zivildienstleistenden ihren Dienst an

Es ist der 10. April 1961. Der junge Karl Röcher aus Siegen tritt seinen Zivildienst in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld an. Mit dem Zug ist er fast einen ganzen Tag unterwegs. Er ist mit 26 anderen jungen Männern einer der ersten Kriegsdienstverweigerer.

Einer der ersten Zivis

26 junge Männer machen mit Karl Röcher den Zivildienst.

Karl Röcher arbeitet sieben Tage die Woche plus Nachtschichten. Zivildienstleistende sind billige Arbeitskräfte. Er hilft beim Ankleiden, putzt, reinigt, macht Gartenarbeit und hält das Haus in Ordnung. Die Anstalt beherbergt 95 zum Teil behinderte Bewohner.

Das ist sein Dienst am Menschen. Er bekommt kaum Urlaub. Eine anstrenge Zeit, an die er sich aber gerne zurückerinnert.

Zivis gelten als Drückeberger und "Nichtstuer"

Karl Röcher zählt zu den ersten jungen Männern, die als wehrpflichtig gelten. Schon früh engagiert sich der gläubige Christ und Musiker im CVJM. Er liest den Katechismus des widerständigen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Der schreibt: "Niemals kann die Kirche Krieg und Waffen segnen. Niemals kann der Christ an einem ungerechten Krieg teilhaben".

Einer der ersten Zivis

Als gläubiger Christ konnte Karl Röcher den Krieg nicht mit seinem Gewissen vereinbaren.

Folgerichtig verweigert Karl Röcher bereits 1957 den Dienst an der Waffe. Ab da an gilt Karl Röcher als Drückeberger. Es dauert noch vier Jahre bis das Zivildienstgesetz in Kraft tritt. Dabei beruft er sich auf Artikel 4 des Grundgesetztes.

Darin steht geschrieben, dass niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden kann. Für Karl Röcher gilt: "Krieg ist keine Lösung". Er argumentiert aus der Sicht eines tiefgläubigen Menschen. Die Frage nach Frieden, nach Versöhnung begleitet ihn bis heute.

Die Zeit als Zivi hat ihn geprägt

Einer der ersten Zivis

In diesem Haus hat er gearbeitet.

12 Monate dauert sein Dienst. Er hat viele Erfahrungen in Menschenführung und Ehrlichkeit gesammelt. Schon damals musste er viel Verantwortung übernehmen. "Es hat letztendlich sehr viel Spaß gemacht für die Menschen da zu sein", sagt der heute 83-Jährige.

Später arbeitet der Vater vierer Kinder als technischer Leiter im Familienbetrieb. Nebenbei dirigiert er einen Posaunenchor und organisiert gemeinsam mit seiner Frau Ferienfreizeiten für Kinder aus seiner Gemeinde.   

Stolz den Wehrdienst verweigert zu haben

Einer der ersten Zivis

Heute ist Karl Röcher stolz auf seinen Mut damals.

Karl Röcher hat es nie bereut den Wehrdienst verweigert zu haben. "Ich würde es heute wieder tun", sagt der Siegener.

Bis 2011 konnten junge Männer den Zivildienst antreten. Seit zehn Jahren gibt es den Bundesfreiwilligendienst, den BFD . Hier können sich Männer und Frauen jeden Alters im sozialen, im ökologischen oder im kulturellen Bereich engagieren. Der Dienst am Menschen ist geblieben.

Stand: 15.04.2021, 07:21