Aussteiger bei den Zeugen Jehovas: "Ich kann endlich selbstbestimmt leben“

Aussteiger bei den Zeugen Jehovas 04:02 Min. Verfügbar bis 11.11.2022

Aussteiger bei den Zeugen Jehovas: "Ich kann endlich selbstbestimmt leben“

Lars Dietz ist drei Jahre alt, als seine Mutter den Zeugen Jehovas beitritt. Fast 15 Jahre lang lebt er nach den Glaubenssätzen der Gemeinschaft. Anfangs wächst er in einer starken Gemeinschaft auf, wird mit Liebe überschüttet. Seinen Weg bis zum schwierigen Ausstieg beschreibt er im Interview.

WDR: Wie würdest du die Zeugen Jehovas beschreiben? 

Lars Dietz, Aussteiger bei den Zeugen Jehovas

Lars Dietz

Lars Dietz: Die Zeugen Jehovas sehen sich nicht als Teil der Welt. Das sagen sie ja von sich selbst. Und sie haben den Anspruch, dass sie den wahren Glauben haben. Es gibt nur diesen einen Gott, den sie haben und alle anderen müssen falsch liegen. Dieser Gott wird die Zeugen Jehovas dadurch belohnen, das sie irgendwann mal unendlich auf der Erde leben werden, in einem Paradies, wo es keinen Tod gibt, keine Krankheiten, wo alles perfekt ist. Das ist so der Hauptglaube. Das ist natürlich eine schöne Vorstellung - aber absolut unrealistisch.

WDR: Würdest du sagen, dass sie gefährlich sind? 

Zeugen Jehovas verteilen Hefte in München (27.07.2015)

Zeugen Jehovas verteilen Hefte in München (Archiv)

Dietz: Ja, definitiv. Weil die einen im Leben in einer Situation abholen können, wo man vielleicht glaubt, dass es das Richtige ist. Aber die Konsequenzen, die darauf folgen, die sind einem zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. Und wenn man dann in der Glaubensgemeinschaft drin ist und merkt, man passt hier gar nicht rein, das ist nicht das Leben, was ich führen will, dann ist es unfassbar schwer, die Gemeinschaft zu verlassen. Das kann einen auch sehr unglücklich machen und das finde ich sehr gefährlich.

"Als Jugendlicher hinterfragt man nicht"

WDR: Du bist mit drei Jahren in die Gemeinschaft aufgenommen worden. Welche Erinnerung hast du an deine Kindheit? 

Lars Dietz, Aussteiger bei den Zeugen Jehovas

Lars Dietz, Aussteiger bei den Zeugen Jehovas

Dietz: Es war schon ein schönes Leben. Die Gemeinschaft ist sehr stark, man wird sehr umsorgt, es ist sehr viel Liebe da. Das habe ich als Jugendlicher nicht hinterfragt, dass das der falsche Lebensweg sein könnte.

WDR: Mit 12 Jahren dann die Taufe. Was hat sich danach verändert? 

Dietz: Man war wesentlich mehr an die Regeln gebunden. Also die Regeln vor oder nach der Taufe sind dieselben - aber die Konsequenzen, wenn ich mich nicht an die Regeln halte, die sind ganz anders. Und das hat man natürlich auch gemerkt. Die Leute sind anders mit einem umgegangen, hatten eine höhere Erwartungshaltung.

"Ich wollte frei sein"

WDR: Welche Regeln waren das? 

Lars Dietz, Aussteiger bei den Zeugen Jehovas

Bibelstudium war Pflicht

Dietz: Eine ganz wichtige Regel: bloß kein Kontakte zur Außenwelt, wenn nicht nötig. Die Freunde nur bei den Zeugen Jehovas. Arbeitskollegen ok - aber nicht zum Essen hinfahren, auf keine Geburtstage, keine Weihnachtsfeiern. Man war mehr eingespannt, musste neben dem Bibelstudium von Tür zu Tür gehen. Zusätzlich dazu gab es zwei Versammlungen die Woche. Man hatte weniger Zeit, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit den Zeugen Jehovas.

WDR: Wann war dir klar, dass du kein Zeuge Jehovas mehr sein willst?

Dietz: Kurz nach meinem 18. Geburtstag. Ich wollte endlich frei sein. Ich war vorher nicht frei und nicht glücklich, auch wenn ich das vorher geglaubt habe, aber es war nicht so. Ich war in allem eingeschränkt.

WDR: Wie waren die Reaktionen der anderen Gemeindemitglieder auf deinen Ausstieg?

Dietz: Die Ältesten waren zu dem Zeitpunkt sehr überrascht. Mir wurde erst mal nahegelegt, das alles noch mal zu überlegen. Ich hätte doch etwas anderes in der Bibel gelernt, ob ich all das vergessen hätte. Und später, am selben Abend, hat mich noch ein anderer Ältester angerufen und der war ziemlich direkt. Er sagte: "Das war eine Sünde vom Teufel. Du wirst nicht ins Gottes Königreich kommen. Du verletzt ganz viele Menschen. Schau doch mal, was du da anrichtest."

Die Konsequenz: alle Freunde verloren

WDR: Doch du bist standhaft geblieben, hast dich von deiner Entscheidung nicht abhalten lassen. Wie ging es dir in dieser Zeit? 

Dietz: Es war sehr schwierig, es war zu dem Zeitpunkt eine gemischte Gefühlslage. Auf der einen Seite war ich jetzt glücklich, dass ich mein Leben leben kann, wie ich das möchte. Auf der anderen Seite war ich natürlich auch sehr traurig - ich habe fast alle meine Freunde verloren und in dem Zug war mir auch klar, dass ich meine Mutter verlieren würde. Also es ist eine gemischte Gefühlslage.

WDR: Wie geht es dir heute, zwei Jahre nach dem Ausstieg? 

Dietz: Für mich war es die richtige Entscheidung diese Gemeinschaft zu verlassen, aus diesem Konstrukt von Glaubenssätzen rauszugehen und dieses Leben zu führen, was ich für richtig halte und mich so zu entwickeln, wie ich das möchte.

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Stand: 11.11.2021, 09:10