Als Weihnachtsmann das Stottern besiegt

05:00 Min. Verfügbar bis 22.12.2022

Als Weihnachtsmann das Stottern besiegt

Stand: 23.12.2021, 11:30 Uhr

Stottern - für mehr als 800.000 Menschen in Deutschland ein großes Problem. Oft ziehen sich die Betroffenen zurück, meiden die Öffentlichkeit. Die Angst, dass die Worte ins Stolpern geraten, ist zu groß.

Von Elisabeth Konstantinidis

Dragan Tintrup aus Attendorn ist seit über 40 Jahren Stotterer. Auch er hat in der Vergangenheit unter seinem Stottern gelitten. Hypnose, Therapien - doch der Erfolg hielt jeweils nur kurz an.

Bis zu dem Weihnachtsfest vor 18 Jahren. Dragan startet ein Experiment - er verkleidet sich als Weihnachtsmann und geht bewusst unter die Menschen. Mit Erfolg. Im Interview mit dem WDR erzählt er davon.

WDR: Herr Tintrup, was ist damals passiert, als Sie in die Rolle des Weihnachtsmanns geschlüpft sind? 

Dragan Tintrup: Plötzlich war da diese Leichtigkeit, eine Art der Entspannung. Ich spürte auf einmal keinen Druck in der Stimme. Ich merkte, wie alle mir zuhörten. Keiner fiel mir ins Wort. Ich hatte plötzlich die Kontrolle über meine Stimme. Ich dachte erst, es wäre nur eine Einbildung. Doch es war real. Ein Gefühl, das ich bis dato nicht kannte.

WDR: Ein Moment, der ihr Leben verändert hat. Was ist dann passiert? 

Dragan Tintrup verkleidet als Weihnachtsmann

Dragan Tintrup unterwegs in Attendorn

Tintrup: Es fühlte sich an, als wäre ich einem Teufelskreis entkommen. Als Stotterer war mein Leben stets geprägt von Angst und Panik. Der Gedanke, etwas falsch zu sagen, meine Stimme erneut zu verlieren, war immer da. Die Rolle als Weihnachtsmann gab und gibt mir Selbstvertrauen, Sicherheit. Es ist meine persönliche Therapie, die ich seit nunmehr 18 Jahren praktiziere. Die schönen Erlebnisse, Momente, die ich bei meinen Auftritten vor Weihnachten sammle, geben mir das ganze Jahr über Kraft. Kraft, meine Stimme auch im Alltag zu kontrollieren.

Dragan Tintrup

Seit 18 Jahren ist der 48-jährige als Weihnachtsmann in Attendorn und Umgebung unterwegs. Anfangs noch im kleinen Kreis, wird er heute von Geschäften, Kindergärten und auch vielen Familien in der Weihnachtszeit gebucht. Seine Besuche sind immer kostenlos. Alle Spenden, die er während dieser Zeit einnimmt, gibt er zu 100 Prozent an karitative Zwecke weiter. In all den Jahren sind so über 13.000 Euro zusammengekommen.

WDR: Kraft, die Sie in der Vergangenheit nicht hatten. Wie sah Ihr Alltag früher aus? 

Tintrup: Durch meinen Sprachfehler wurde ich schon als Kind und Jugendlicher ausgegrenzt. Diese Ablehnung hat tiefe Wunden hinterlassen. Das hat sich mit den Jahren immer weiter zugespitzt. Man wurde nicht erst genommen, schnell abgewimmelt. Du bist für die Gesellschaft nicht die Norm. Also lässt man dich das auch spüren. Das war natürlich nicht unbedingt ein tolles Gefühl und so hat sich das aufgebaut auf mein Reden, automatisch mehr und mehr und mehr. 

WDR: Gibt es heute noch Momente, in denen Sie wieder zurückfallen und stottern? 

Dragan Tintrup verkleidet als Weihnachtsmann

Beliebt auch als Fotomodell

Tintrup: Die Gefahr ist natürlich immer da. Jeden Tag werde ich vor Herausforderungen gestellt. Im Berufsleben und im Privaten. Doch heute gibt es einen großen Unterschied zu früher. Ich spüre, wenn sich das Stottern ankündigt. Es ist schwer zu beschreiben. Doch ich fühle es. Früher habe ich mich von der Angst überrollen lassen. Heute wandle ich diese Angst in positive Gedanken um. Etwas, was ich durch die Rolle als Weihnachtsmann gelernt habe. Diese Leichtigkeit, diese Kraft erfüllt mich dann. Meine Atmung wird langsamer und ruhiger. Das macht es für mich leichter, meine Stimme zu kontrollieren.

WDR: Was würden Sie anderen Menschen, die unter Stottern leiden, mit auf den Weg geben?

Tintrup: Erfinde dich neu. Stelle dich Herausforderungen. Für mich war die Rolle des Weihnachtsmanns mein Schlüssel zum Erfolg. Such etwas, was dich glücklich macht. Denn aus diesem Glücksgefühl wird schnell eine innere Ruhe. Und genau das ist es, was Menschen, die stottern, fehlt. Leichtigkeit, Ruhe und innere Kraft. 

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.