Misshandlungsvorwürfe auf dem Wittekindshof: Ermittlungen gegen 145 Personen

Ein Wegweiser mit der Aufschrift "Wittekindshofer Werkstätten"

Misshandlungsvorwürfe auf dem Wittekindshof: Ermittlungen gegen 145 Personen

Die Staatswanwaltschaft Bielefeld ermittelt mittlerweile gegen 145 Beschuldigte, die in einer Behinderteneinrichtung in Bad Oeynhausen Bewohner misshandelt haben sollen. Möglicherweise wurde auch Reizgas eingesetzt.

Freiheitsberaubung und Körperverletzung in mehreren Fällen – das werfen Polizei und Staatsanwaltschaft 145 Beschäftigten der Einrichtung für Menschen mit Behinderung "Wittekindshof" in Bad Oeynhausen vor. Das haben die Polizei Minden-Lübbecke und die Staatsanwaltschaft Bielefeld am Montag mitgeteilt.

Betreuer, Ärzte und Bereichsleiter unter Verdacht

Zu den Beschuldigten gehören unter anderem der ehemalige Leiter des zuständigen Geschäftsbereichs, Ärzte, verantwortliche Betreuer und Angehörige des Pflegepersonals. Sie sollen Bewohner mit Behinderung gefesselt, eingesperrt und geschlagen haben. Der Abteilungsleiter ist vom Dienst suspendiert. Bisher seien 32 mutmaßlich Geschädigte identifiziert worden.

Wurde Reizgas gegen Bewohner eingesetzt?

Nach den bisherigen Ermittlungen soll es zudem in rund 21 Fällen zu dem Einsatz von Reizgas gegen Bewohner gekommen sein. Dazu stehe laut Staatsanwaltschaft jedoch noch eine Einzelfallprüfung aus, die zeigen soll, ob der Einsatz von CS-Gas durch Notwehr gerechtfertigt war.

Ministerium spricht von schwerwiegenden Übergriffen

Das Landesgesundheitsministerium bestätigte dem WDR am Samstag, dass es eine Projektgruppe eingerichtet habe, die den Vorwürfen nachgehen soll. Ersten Ermittlungen zufolge könnte es zu schwerwiegenden Übergriffen gekommen sein, erklärte ein Sprecher des Ministeriums. Es handele sich auch um freiheitsentziehende Maßnahmen, die nicht vollumfänglich durch richterliche Genehmigung oder entsprechende Einwilligung gedeckt seien.

Eine abschließende Bewertung will man aber erst abgeben, wenn die Ergebnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft vorliegen. Dann will man auch mögliche erforderliche Veränderungen veranlassen, um solche Geschehnisse zukünftig und landesweit auszuschließen.

Missstände waren nicht aufgefallen – Kreis räumt Fehler bei Kontrollen ein

Die Gebäude der Wittekindshofer Behindertenwerkstätten

Betreuungspersonal in der Einrichtung wurde ausgetauscht und aufgestockt.

Auf Anfrage des WDR räumte der Kreis Minden-Lübbecke am Samstag ein, in der Vergangenheit Fehler bei den Kontrollen gemacht zu haben. Ein Sprecher erklärte, dass einige Missstände nicht aufgefallen seien. Als erste Anordnung habe man in der Behinderteneinrichtung das Betreuungspersonal austauschen und aufstocken lassen. Der Kreis Minden-Lübbecke hat als Aufsichtsbehörde nun eine Task Force eingerichtet.

SPD-Landtagsfraktion fordert schnelle Aufklärung

Es sei unfassbar, dass Menschen mit Behinderung möglicherweise Opfer von Misshandlungen und Gewalt in den Einrichtungen geworden seien, erklärte Josef Neumann, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, am Montag in Düsseldorf.

Die Landesregierung müsse alles tun, um den Vorwürfen nachzugehen und eine fachliche Aufarbeitung einleiten. Für die nächste Ausschusssitzung am 20. Januar fordert er einen Bericht.

Razzia bereits Ende 2019

Bereits Ende 2019 hatte es in den Gebäuden des Wittekindshofes in Bad Oeynhausen eine Razzia gegeben. Auch im Jahr 2020 ist eine weitere Durchsuchung durchgeführt worden. Eine Ermittlungskommission wurde eingesetzt.

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen gehört zur evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld. In der Einrichtung leben viele Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung und Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Einrichtung reagiert auf Vorwürfe – Bereich aufgelöst

Der in Verdacht geratene Bereich sei mittlerweile aufgelöst worden, erklärt am Samstag eine Sprecherin des Wittekindshof dem WDR. Der heilpädagogische Intensivbereich sei neu strukturiert worden. Unter anderem hätten die Mitarbeiter untereinander jetzt ein Initiativ- und Vetorecht bei der Behandlung. Dadurch soll ein Vier-Augen-Prinzip und somit eine bessere Kontrolle gewährleistet werden.

In einer Pressemitteilung zeigt sich Pfarrer Dierk Starnitzke, Vorstand der Diakonischen Stiftung Wittekindshof betroffen: "Wenn im Wittekindshof Maßnahmen ergriffen wurden, die nicht rechtmäßig und strafbar gewesen sind, dann distanzieren wir uns davon klar und deutlich".

Stand: 11.01.2021, 18:59