Vergewaltigt: 19-Jährige schildert ihr Leid

Vergewaltigt: 19-Jährige schildert ihr Leid 03:31 Min. Verfügbar bis 24.11.2021

Vergewaltigt: 19-Jährige schildert ihr Leid

Von Elli Konstantinidis

Bis vor kurzem hatte die 19-jährige Anna (Name geändert) ein unbeschwertes Leben. Eine Gewalttat änderte alles für sie. Im Interview spricht sie erstmals darüber.

Sexualisierte Gewalt, eine Vergewaltigung - nicht selten denkt man dabei an einen Übergriff von einem Fremden, im Dunkeln, im ungeschützten Raum. Doch überwiegend geschieht diese Form von Gewalt im sozialen Umfeld. In einer bekannten Umgebung. In einer Beziehung, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz.

Die 19-jährige Anna (Name geändert) wurde Anfang des Jahres von einer Online-Bekanntschaft vergewaltigt. Im Interview erzählt sie erstmals von der Tat und wie sie heute damit umgeht.

WDR: Kannst du uns erzählen, wie du den Mann kennen gelernt hast?

Anna: "Wir haben uns online kennen gelernt. Wir haben uns regelmäßig geschrieben. Er kam aus meiner Gegend. Da dachte ich nicht daran, dass was passieren würde. Er war nett, man hatte Gemeinsamkeiten."

WDR: Was ist dann passiert?

"Orange your City" 2019 am Dortmunder U

Die Aktion "Orange your City" - hier 2019 in Dortmund - macht auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam

Anna: "Ich hatte an dem Tag ganz normal Schule. Nachmittags haben wir uns verabredet. Wir wollten uns als Freunde treffen. Ich bin zu ihm gefahren. Anfangs haben wir uns auch gut unterhalten, aber irgendwann fing er an, komisch zu werden. Er fing an, mich langsam zu küssen. Im ersten Moment war es auch okay. Es hat mich nicht gestört. Dann fing er aber an die Hand in die Hose zu stecken. Dann hat er mich auf das Bett geworfen und dann ging es auch schon los."

WDR: Was hast du in dem Moment gedacht?

Anna: "Ich will es nicht. Mach es schnell. Ich habe Angst. Es tut weh. Ich kenne das nicht."

Anna (Name geändert) wurde Anfang des Jahres vergewaltigt. Der Täter war kein Unbekannter. Sie lernte ihn online kennen. 

Aus Scham und Angst hat die 19-Jährige erst Monate nach der Tat Hilfe gesucht. Heute weiß sie: Das war ein Fehler. Denn ohne Beweise ist keine Anzeige möglich.

WDR: Was ist dann passiert?

Anna: "Sobald er fertig war, hab ich mich angezogen. Bin zur Tür raus, ins Auto gestiegen und einfach losgefahren. Wie in Trance. Bin heimgefahren. Bin mehrmals duschen gegangen, weil ich mich ekelhaft fühlte. Ich habe die Kleidung in eine Tüte gepackt und in eine Schublade gesteckt. Ich wollte den Tag komplett vergessen."

WDR: Gab es Tage, Momente an denen du dir die Schuld gegeben hast?

Anna: "Ich werfe mir bis heute noch vor, dass ich selber schuld bin. Obwohl ich weiß, dass es nicht so ist. Ich hatte auch immer das Bild im Kopf: Vergewaltigung ist - du wehrst dich, du schreist, du hast Verletzungen am Körper. Ich habe nicht geschrien, mich nicht gewehrt, hatte auch keine sichtbaren Verletzungen am Körper. Doch die Verletzungen waren in mir. Ich leide jeden Tag unter dem Erlebten. Heute weiß ich: Sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter. Es war eine Vergewaltigung."

WDR: Wie geht es dir heute?

Anna: "Mein Leben hat sich seit dem Tag komplett verändert. Ich vertraue immer weniger Menschen. Ich fühle mich unwohl, bei jeder Berührung eigentlich. Unerwartete Berührungen sind ganz schlimm. Ich habe Schwierigkeiten, duschen zu gehen, auf Toilette zu gehen, weil ich immer wieder diese bildlichen Vorstellungen im Kopf habe. Bis heute vermeide ich es, in die Stadt zu gehen, weil er dort halt in der Nähe wohnte."

WDR: Hast du jemandem von dem Übergriff erzählt?

Anna: "Ich hab meinen engsten Freunden davon erzählt, meiner besten Freundin. Die wissen jedoch bis heute noch nicht alles. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Es fielen Sätze wie 'Ich bin für dich da' bis zu 'Du bist selber schuld, dass du dahin gefahren bist, dass du Kontakt aufgenommen hast.'"

WDR: Was macht es mit einem, wenn man solche Sätze hört?

Anna: "Es ist wie ein Vertrauensbruch. Es fühlt sich so an. Ich vertraue dir gerade etwas Intimes aus meinem Leben und du sagst mir, das ich selber schuld bin? Man fühlt sich automatisch verurteilt."

WDR: Erst Monate später hast du dir Hilfe geholt. Warum hast du so lange gewartet?

Der Ratgeber "Du bist nicht alleine" von Frauenberatung

Es gibt viele Hilfsangebote für Betroffene

Anna: "Ich hatte Angst, habe mich geschämt. Mit jemandem über das Erlebte zu sprechen, kostet viel Kraft. Genau diese Kraft hatte ich nicht. Heute weiß ich, das war ein Fehler. Ich hätte mir direkt danach Hilfe holen müssen."

WDR: Was möchtest du anderen Frauen sagen?

Anna: "Du bist nicht alleine. Es gibt viele Frauen, die Ängste haben wie du, sich fühlen wie du und das Gleiche erlebt haben wie du. Such dir Hilfe und versuch zu reden. Es gibt Menschen, die dir helfen können."

Das Interview führte Elli Konstantinidis.

Stand: 25.11.2020, 09:24