Vergewaltigungen in Bielefelder Klinik: die Geschichte des Opfers

Opfer von Vergewaltigungen im Evangelischen Klinikum Bethel

Vergewaltigungen in Bielefelder Klinik: die Geschichte des Opfers

Von Thomas Wöstmann

Ein Arzt hatte 2019 im renommierten Evangelischen Klinikum Bethel Patientinnen erst betäubt und dann vergewaltigt. Kurz nach seiner Festnahme im September 2020 nahm der Mann sich das Leben. Das Verfahren wurde eingestellt. Aber für die vergewaltigte Frau geht die Geschichte weiter. Wir erzählen sie aus ihrer Sicht. Weil sie anonym bleiben möchte, wird sie hier "Eva" genannt.

Wegen häufiger Schwindelanfälle war Eva im Juli 2019 Patientin im Evangelischen Klinikum Bethel. "Ich bin vor Schreck hochgefahren", erzählt sie, als mitten in der Nacht ein Arzt ihr Zimmer betrat. "Er hat gemeint, er müsste mir einen Zugang legen. Ich war natürlich erstaunt, dass es um diese Uhrzeit stattfindet."

Narkosemittel schaltet Gedächtnis aus

Zweimal habe der Arzt daneben gestochen, nach dem dritten Versuch wisse sie nichts mehr. Stunden später wacht sie kurz auf - mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen. Sie spricht mit der Nachtschwester, schläft wieder ein. Am nächsten Morgen findet sie ein Fläschchen im Bett: Propofol, ein Narkosemittel, das schaltet das Gedächtnis aus. Der vom Arzt gelegte Zugang habe auf dem Boden gelegen.

Das Fläschchen habe sie der Schwester gegeben: "Sie hat erschrocken reagiert und ein bisschen verwirrt". Warum es ihr so schlecht gehe, habe die nicht erklären können, "vielleicht hätte ich mir eine Grippe eingefangen".

Klinikum wehrt ab: Keine offizielle Beschwerde

In dieser Nacht war Eva vergewaltigt worden. Der Täter hatte diese, wie auch seine anderen Taten, auf Video aufgenommen. Mit dem Vorfall konfrontiert, gibt das Klinikum an, dass der Fund des Fläschchens bei Verantwortlichen nicht bekannt geworden sei. Auch habe zu diesem Zeitpunkt keine offizielle Beschwerde vorgelegen.

Evangelisches Klinikum Bethel

Das Evangelische Klinikum in Bielefeld-Bethel

Wiederholungstat beim nächsten Klinikaufenthalt

Im September 2019 muss Eva erneut in die Klinik. Die Umstände vom ersten Besuch noch im Kopf, trifft sie am Eingang zufällig auf den Arzt. Der habe sie geduzt und auffallend freundlich begrüsst: "Ach, du wieder hier!" Das sei ihr merkwürdig vorgekommen.

Eva bezieht ein Zimmer - dieses Mal liegt dort auch eine andere Frau. Am späten Abend erscheint der Assistenzarzt und will wieder einen Zugang legen, dieses Mal für beide Patientinnen - angeblich für deren MRT-Untersuchungen am nächsten Tag – wieder fällt Eva in Ohnmacht. Die erst Monate später entdeckten Videos zeigen, dass dieses Mal beide Frauen vergewaltigt wurden.

Gespräch mit Oberschwester und Oberarzt

Am nächsten Morgen ist sich Eva sicher, dass etwas nicht stimmt. Sie sucht das Gespräch mit der Oberschwester und dem Oberarzt. Der habe sehr erschrocken reagiert, auch besorgt: "Er hat auch gleich gesagt, dass zu so später Stunde kein Arzt kommen würde, um Zugänge zu legen".

Zu diesem Zeitpunkt hofft Eva, dass sich alles aufklärt, zumal der Oberarzt angekündigt habe, auch den Chefarzt einzuschalten. Doch dann der Schock: Eine Stunde später seien Oberarzt und ein auffallend nervöser Assistenzarzt herein gekommen und hätten alles "herunter gespielt". Wahrscheinlich habe die Kochsalzlösung die falsche Temperatur gehabt.

Klinikum: Keine Hinweise auf Sexualdelikt

Auch zum damaligen Zeitpunkt, sagt das Klinikum dem WDR, habe es immer noch keine Hinweise auf ein Sexualdelikt gegeben. Es sei nur eine mögliche unsachgemäße Medikamentengabe untersucht worden – Beweise für ein Fehlverhalten des Assistenzarztes habe es aber nicht gegeben.

Polizei ermittelt wegen Körperverletzung

Am nächsten Tag erzählt Eva ihre Geschichte der Polizei. Die ermittelt - zunächst aber nur wegen Körperverletzung. Von Evas Anzeige hat das Klinikum nach eigenen Angaben erst Monate später erfahren. Ob der Arzt in der Klinik noch mehr Frauen vergewaltigt hat, dazu sagt die Staatsanwaltschaft nichts. Nach Angaben von Verfahrensbeteiligten ist das durch aktenkundige Tatvideos belegt.

Verfahren eingestellt

Nach der Selbsttötung des Arztes wurde das Verfahren eingestellt. So bleibt auch offen, ob oder wie viele Frauen möglicherweise vom Täter infiziert wurden: Er hatte eine Geschlechtskrankheit.

Eva möchte, dass ihre Geschichte weiter untersucht wird: "Jeder fragt sich, was ist denn jetzt? Was ist denn mit dem Chefarzt, der damals nicht geholfen hat, und mit dem Oberarzt, der das mitgekriegt hat? Und die Krankenschwestern? Das ist doch das Schlimmste: Dass so viele Menschen drumherum hätten helfen können! "

Ermittlungen wegen "Beihilfe durch Unterlassen"

Die Vorgänge werden intern aufgearbeitet, heißt es in Bethel. Den Opfern gelte Mitgefühl und das Angebot für Hilfe und Therapie. Die Staatsanwaltschaft bestätigt das Verfahren gegen zwei leitende Ärzte des Klinikums Bethel. Der Vorwurf: Beihilfe zur Vergewaltigung durch Unterlassen.

Stand: 12.02.2021, 13:58