Evangelisches Klinikum Bethel

Bethel-Opfer werden entschädigt: „Es nimmt nicht den Schmerz. Aber es tut gut!“

Stand: 12.05.2022, 11:37 Uhr

Die im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld vergewaltigten Frauen werden in diesen Tagen über ihre Entschädigung informiert; die Einschätzung eines Opfers.

Bethel will jedem Opfer mindestens 20.000 Euro zukommen lassen. Bei den meisten betroffenen Frauen wird das als gutes Zeichen gewertet – etwaige Schadensersatzsprüche sollen aber aufrecht erhalten bleiben.

Gewaltopfer aus heiterem Himmel

Monika S. (Name geändert) war perplex. Zwei Polizistinnen erklärten ihr im Januar 2021, dass sie möglicherweise in Bethel von einem Assistenzarzt vergewaltigt worden war: "Ich hatte die Berichte über den Fall in den Medien ja verfolgt. Aber mir kam nie der Gedanke, dass ich ja auch im Krankenhaus auf dieser Station war. Ich war dann erstmal völlig fertig."

Drei Tage hatte sie Ostern 2020 auf der neurologischen Station verbracht, wegen merkwürdiger Schmerzen im Gesicht. Und: sich gefreut, dass sie auch noch spätabends medizinisch versorgt wurde – "ich wollte ja Ostersonntag wieder zuhause sein“. Dass sie damals von dem Arzt betäubt und dann vergewaltigt wurde, ahnte sie bis zum Besuch der Polizei nicht. Ein Foto aus dem vom Täter selbst angefertigten Video bestätigte ihr dann, dass sie Opfer einer Gewalttat wurde.

"Keine kleine Summe, aber Einzelfall betrachten"

Wie viele Frauen von dem Arzt vergewaltigt wurden, ist bisher nie öffentlich benannt worden – aber man kann von mindestens 30 Opfern ausgehen. Ihnen allen bietet Bethel jetzt Geld an – 20.000 Euro, mindestens. "Sicherlich keine kleine Summe“, sagt Opferanwältin Stefanie Höke, "trotzdem ist es wichtig, den Einzelfall zu betrachten.“ Manche ihrer Mandantinnen waren zweimal als Patientin in Bethel und wurden auch zweimal vergewaltigt. Einige leiden seitdem unter körperlichen und seelischen Einschränkungen.

Schmerzensgeldklagen bleiben bestehen

Monika S. ist froh über die freiwillige Entschädigung von Bethel: "Ich finde, das ist ein richtiger Weg. Das macht nichts gut. Das macht nichts weg. Das nimmt einem nicht den Schmerz. Aber es ist ein Zeichen der Anerkennung. Und es tut gut.“ Und trotz der 20.000 Euro: Klagen auf Schmerzensgeld sollen aufrecht erhalten bleiben.

Jede der betroffenen Frauen geht anders damit um, vergewaltigt worden zu sein. Monika S.: "Ich für mich habe den Weg gewählt, das nicht an mich heran zu lassen. Ich möchte mich auch im Nachhinein von diesem furchtbaren Menschen nicht zum Opfer machen lassen. Ich habe auch abgelehnt ein Video anzuschauen. Wenn ich mir jetzt Gedanken machen würde: was hat der gemacht, was ist passiert mit mir? Dann würde ich in bestimmten Situationen daran erinnert werden. Und: Ja, das ist ein Selbstschutz."

"Da wurden so viele Fehler gemacht"

Vielen Frauen ist es wichtig, dass derzeit ermittelt wird – gegen leitende Mitarbeiter der Klinik vor allem. Sie sollen Hinweisen auf das merkwürdige Verhalten des Assistenzarztes nicht nachgegangen sein. Aber auch, dass die Arbeit der ermittelnden Behörden in Bielefeld beleuchtet wird. "Im Grunde liegt hier ja ein Organisationsverschulden vor. Nicht nur vom Klinikum Bethel, sondern ja auch von Polizei und Staatsanwaltschaft. Da sind ja scheinbar so viele Fehler gemacht worden, dass ich da stehe und mit den Schultern zucke und denke: wie kann sowas passieren? Wie geht das? Warum gibt es keine Hotline für Mitarbeiter, an die sie sich wenden können, wenn sie Verdachtsmomente haben?“

Die Taten des Arztes wurden 2020 bekannt. Mindestens seit 2019 soll er Frauen vergewaltigt haben. Er nahm sich wenige Tage nach seiner Festnahme das Leben.

Opferanwältin Stefanie Höke im O-Ton

00:47 Min. Verfügbar bis 18.02.2023