Ungewollt kinderlos – vom Wunsch zum Albtraum

Ungewollt Kinderlos 02:19 Min. Verfügbar bis 06.03.2021

Ungewollt kinderlos – vom Wunsch zum Albtraum

Kinderlosigkeit ist immer noch ein Tabuthema. Oft kann eine ungewollte Kinderlosigkeit ein Paar in eine Krise stürzen. Wir haben eine Betroffene zum Interview getroffen.

WDR: Frau Kellermann, wie groß war damals der Wunsch, ein Kind zu bekommen?

Janina Kellermann: Der Kinderwunsch war für mich der Herzenswunsch. Es gab für mich nichts Wichtigeres, als ein Kind zu bekommen. Ich war zu diesem Zeitpunkt total euphorisch. Man war von Liebe erfüllt, weil man wusste: Irgendwann hat man sein Kind auf dem Arm.

Janina Kellermann (33) aus Arnsberg hat lange Zeit unter der Kinderlosigkeit gelitten. Mehr noch: Die ungewollte Kinderlosigkeit hat sie krank gemacht. Heute ist sie stark genug, darüber zu reden. Sie hat einen Gesprächskreis in Arnsberg gegründet der Kinderlosigkeit zum Thema macht.

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Janina Kellermann hat die Kinderlosigkeit krank gemacht.

Kellermann: Ich war innerlich einfach nur noch traurig. Traurig, verzweifelt, wütend und eifersüchtig. Für die Gesellschaft ist es das Normalste der Welt, schwanger zu werden – und ich habe es einfach nicht geschafft. Innerlich hab ich immer mehr geweint, doch nach außen bin ich immer stiller geworden. Ich habe alles in mich reingefressen und bin mit jedem Monat ein Stückchen weiter zerbrochen.

WDR: Was hat sie in dieser Zeit zusätzlich belastet?

Kellermann: Es waren die gut gemeinten Ratschläge oder Fragen: "Entspannt Euch doch mal", "dann hast du halt ein Leben ohne Kinder", "wann bekommt Ihr euer erstes Kind?", "vielleicht ist es nicht der richtige Partner". Es geht ja hierbei nicht um ein Auto, das man sich nicht leisten - sondern das ist etwas, worauf man überhaupt keinen Einfluss hat. Das waren Sprüche, die einem nicht weitergeholfen haben. Wenn es nicht funktioniert, dann funktioniert es halt nicht. Und da bringt Entspannung reichlich wenig.

WDR: Die Kinderlosigkeit hatte sie fest im Griff. Wie lange dauerte diese Phase?

Kellermann: Das war bestimmt eine Phase von acht Jahren. Eine Zeit mit vielen Höhen und Tiefen. Mein Umfeld, meine Freunde, meine Familie haben sich Sorgen um mich gemacht, weil sie nicht wussten, wie sie mir helfen konnten. Natürlich haben sie mir die Hand gereicht, aber in dieser Zeit wollte ich einfach niemanden an mich ranlassen.

WDR: Was ist mit Ihnen in dieser Zeit passiert?

Kellermann: Ich habe mich nicht mehr geliebt. Ich habe meinen Körper dafür gehasst, dass er mir kein Kind geschenkt hat. Schlimmer noch: Ich habe meinen Körper vernachlässigt. Ich habe quasi alles daran gesetzt, meinen Körper zu bestrafen. Ich habe aufgehört zu essen, wollte meine Periode nicht mehr bekommen. Ich wollte meinen Körper nicht mehr fühlen. Die einfachsten Dinge, die zum Überleben dazugehört haben, waren für mich einfach nicht mehr wichtig, weil ich für mich keinen Sinn gesehen habe.

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Es hat ihr geholfen über ihren Schmerz zu reden.

Kellermann: Ich war irgendwann an einem Punkt, wo ich so zerbrochen war. Ich stand vor der Entscheidung – entweder ich gehe daran zugrunde oder ich stehe auf. Und dann habe ich für mich gesagt - "so Janina, du kämpfst jetzt". Ich habe angefangen, über meinen Schmerz zu reden. Habe mich geöffnet. Eine Situation, die anfangs nicht leicht war, denn das Thema Kinderlosigkeit ist immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft.

WDR: Sie haben es geschafft und wollen nun anderen Betroffenen helfen.

Kellermann: Ja. Ich habe für mich festgestellt, dass nur Reden hilft. Reden über das, was einem wehtut, was einen verletzt. Und das machen wir einfach viel zu wenig. Man hat natürlich die Möglichkeit, eine Therapie zu machen – doch meist ist diese Form der Hilfe mit einer langen Wartezeit verbunden. Zeit, die man nicht hat. Deshalb habe ich einen Gesprächskreis gegründet. Eine Möglichkeit, sich mit anderen Gleichgesinnten auszutauschen. Ohne Druck. Meine Botschaft: Mutig zu sein, aufzustehen, sich eine Stimme zu geben und über die Gefühle zu sprechen. Weil erst dann versteht die Gesellschaft auch, was es mit einem macht.

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Stand: 06.03.2020, 06:57