Missbrauchsfall Lügde – was bislang passiert ist

Aktenordner liegen auf dem Tisch eines Anwaltes. Über viele Jahre hinweg sollen Kinder auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde hundertfach schwer sexuell missbraucht worden sein

Missbrauchsfall Lügde – was bislang passiert ist

Behördenpannen, Prozesseröffnung, Geständnisse, Opfer-Aussagen, Einrichtung eines Untersuchungsausschusses: Ein Überblick, was im Fall des hundertfachen sexuellen Missbrauchs in Lügde bislang passiert ist.

Die jüngste Nachricht

Am Dienstag (09.07.2019) behauptete der Anwalt des mutmaßlichen Haupttäters, Andreas V., sein Mandant sei vor seiner Festnahme erpresst worden – von der Mutter eines missbrauchten Kindes. Als er nicht mehr zahlen konnte, sei sie zur Polizei gegangen. Die Mutter hat diesen Vorwurf über ihren Anwalt als Lüge bezeichnet.

Neuer Verdächtiger

Ein missbrauchtes Kind gibt Anfang Juli Hinweise auf einen neuen Tatverdächtigen. Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ hatte die Staatsanwaltschaft Detmold gegen den 57-Jährigen schon 2018 wegen Vergewaltigung einer 15-Jährigen ermittelt – ohne Ergebnis.

Der Prozess

Die drei Angeklagten haben zum Prozessauftakt am 27. Juni Geständnisse abgelegt. Unter großer Angst vor den Angeklagten haben die ersten Missbrauchsopfer am 5. Juli vor Gericht ausgesagt.

Im Lügde-Missbrauchsprozess legen alle Angeklagten Geständnisse

WDR aktuell - Der Tag 27.06.2019 09:14 Min. Verfügbar bis 26.06.2020 WDR 3

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Die Anklage

Nach Angaben des Landgerichts Detmold zählt die Anklageschrift zum Missbrauchsfall Lügde Taten von 1999 bis zu 2019 auf. Tatorte sind der Campingplatz bei Lügde und ein Haus in Steinheim bei Höxter.

Die Beweise

Das Beweismaterial ist umfangreich. Laut NRW-Innenministerium haben die Ermittler fünf Millionen Megabyte Daten gesichert. Dabei seien etwa 30.000 Fotos und 11.000 Filme mit Kinder- und Jugendpornografie gefunden worden.

Die Angeklagten

Dem Hauptverdächtigen Andreas V. (56) aus Lügde werden 298 Straftaten vorgeworfen. 23 minderjährige Mädchen sollen sein Opfer geworden sein.

Mario S. (34), der zweite Hauptverdächtige aus Steinheim, soll acht Mädchen und neun Jungen missbraucht und vergewaltigt haben. Die Staatsanwaltschaft spricht von 162 Fällen in 20 Jahren.

Das Verfahren gegen einen 49-Jährigen aus dem niedersächsischen Stade war abgetrennt worden. Er soll an Webcam-Übertragungen des Missbrauchs teilgenommen und in einigen Fällen zu Gewalttaten angestiftet haben.

Pannen und Versäumnisse

Im Zentrum aller Pannen und Versäumnisse steht die Frage: Wie konnten Kinder jahrelang auf dem Campingplatz in Lügde missbraucht werden, ohne dass die Behörden trotz zahlreicher Hinweise einschritten?

Die Kreispolizei Lippe und die Jugendämter in Lippe und Hameln sollen jahrelang Hinweise auf die Missbrauchsfälle missachtet haben. Bei den Ermittlungen verschwanden Beweismittel.

Lügde: Neue Vorwürfe gegen die Behörden Lokalzeit OWL 06.05.2019 02:40 Min. Verfügbar bis 06.05.2020 WDR Von Kristina Sterz

Die politische Aufarbeitung

Am 26. Juni hat der NRW-Landtag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, "PUA Kindesmissbrauch" genannt. Er soll mögliches Fehlverhalten auf allen Ebenen aufklären: bei Polizei und Staatsanwaltschaft, den Jugendämtern sowie beim Umgang der Landesregierung mit dem Fall.

Stand: 09.07.2019, 19:04