Neue Studie: Rechtsextremismus größte Gefahr für Deutschland

Mit Plakaten demonstrieren Mitglieder des Dortmunder Bündnisses gegen Rechts am 16.12.2000 für ein solidarisches, gewaltfreies und respektvolles Miteinander

Neue Studie: Rechtsextremismus größte Gefahr für Deutschland

Viele Deutsche halten Rechtsextremismus für die größte Gefahr der Gesellschaft. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Uni Bielefeld.

Die repräsentative Mitte-Studie wird seit 2006 alle zwei Jahre erhoben und soll einen Überblick über die aktuelle Grundhaltung der Mitte der Gesellschaft geben. Konkret geht es um rechtsextreme und demokratiefeindliche Einstellungen. Andreas Zick, Gewaltforscher an der Bielefelder Universität, ist Mit-Herausgeber der Studie. 

Rechtsextremismus für Befragte gefährlicher als Klimawandel

Für die Befragten der Studie ist Rechtsextremismus aktuell die größte Bedrohung für die Gesellschaft. Er sei demnach gefährlicher als der Klimawandel, soziale Spaltung oder die Corona-Pandemie. Die Macher der Studie schließen daraus, dass die Attentate in den letzten Jahren die gesellschaftliche Mitte erschüttert haben müssen. 

Hasstaten haben sich während Corona verändert

Dabei stand die Studie im vergangenen Jahr vor neuen Herausforderungen. Während der Pandemie und um Rahmen der Pandemie haben sich die Hasstaten und die Arten von Protest geändert, erklärt der Bielefelder Forscher Andreas Zick: „Wir haben zu Beginn der Pandemie antiasiatische Vorurteile gesehen. Wir haben die Corona-Proteste gesehen. Wir haben eine Situation gehabt während der Erhebung, dass wir neue Protestbewegungen gesehen haben, die rassistischen Übergriffen gefolgt sind, also Black Lives Matter.“ Und auch die persönliche Betroffenheit durch sei ein Thema in der Studie gewesen. 

Wunsch nach mehr Engagement für vielfältige Gesellschaft 

Zwar geben fast drei von vier der Studien-Teilnehmenden an, dass sie sich selbst als überzeugte Demokraten sehen. Allerdings äußerten sich einige von ihnen widersprüchlich und unsicher bezüglich demokratischer Fragen. Die meisten Menschen sagen über sich selbst, dass sie alle Menschen gleich behandeln. Gut zwei von drei Befragten wünscht sich mehr Engagement für eine vielfältige und offene Gesellschaft. 

Türöffner: Neuer antidemokratischer Populismus

Springerstiefel, gegen Rechts

In der Mitte-Studie zeigt sich trotzdem ein Zugang zu antidemokratischem Populismus in der Bevölkerung. Etwa ein Viertel der Befragten neigt laut Studie zu Populismus, 13 Prozent zu Rechtspopulismus. Für die Forschenden steht fest:  „Auch wenn ein Großteil den Rechtsextremismus als Bedrohung erkennt und sich demokratisch positioniert, ist die Mitte dennoch konfrontiert mit einem neuen antidemokratischen Populismus, der sich zum Türöffner für Rechtsextremismus entwickelt hat.“

Diese Auffassung zeigt sich beispielsweise darin, dass mehr als jeder Fünfte angab, Demokratie führe eher zu faulen Kompromissen als zu sachgerechten Entscheidungen. Allerdings weisen die Studienmacher auch darauf hin, dass die rechtspopulistischen Einstellungen im Vergleich zur letzten FES-Mitte-Studie zurückgegangen seien. 

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die elitenkritische Einstellung oft in Zusammenhang mit der Abwertung sozialer Minderheiten steht. Auch gegenüber Langzeitarbeitslosen und Wohnungslosen zeigt die Studie eine Abwertung. Etwa jeder Vierte hat Vorurteile über Menschen, die seit längerer Zeit keinen Job haben. Fast jeder Zehnte wertet Personen ohne Wohnung ab.

Auffällig ist, dass der Graubereich bei den Einstellungen zunimmt: Inzwischen geben beispielsweise weniger Menschen an, dass sie antisemitische Tendenzen klar ablehnen. Die Antwort „teils/teils“, also eine ambivalente und unentschlossene Einstellung, sehen die Forschenden immer häufiger.

„Die Mitte ist gefordert“

Die Wissenschaftler schließen aus den Ergebnissen, dass die Mitte der Gesellschaft gefordert ist – und das im doppelten Sinne. Einerseits erklären die Forschenden, „die Mitte muss sich mehr auf Fakten und weniger auf Meinungen stützen“. Damit meinen die Wissenschaftler die Verschwörungsmythen, die vor allem im Laufe der Corona-Pandemie verbreitet wurden.  Gefordert ist die Gesellschaft aber auch insofern, dass sie sich mit den Tendenzen auseinandersetzen muss.

Zick: „Keine einfache Sache“

Für den Bielefelder Gewaltforscher Andreas Zick ist klar: „Das ist keine einfache Sache, in der Öffentlichkeit darüber zu reden.“ Dennoch sei ein Ziel der Studie, das Thema in die breite Öffentlichkeit zu bringen und einen Diskurs anzuregen.​

Stand: 22.06.2021, 16:41