Terrorgruppe S.: Es wurde laut im Gerichtssaal

Verfahren gegen rechtsextreme "Gruppe S." in Stuttgart

Terrorgruppe S.: Es wurde laut im Gerichtssaal

Im Prozess um die so genannte Terrorgruppe S. kam es zum Eklat. Anlass war die Forderung eines Verteidigers, den Polizeiinformanten Paul U. in Haft zu nehmen.

Der mitangeklagte Paul U. sei unter anderem mitverantwortlich für den Tod des ehemaligen Mitbeschuldigten Ulf R. aus Porta Westfalica, der sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen hatte.  So der Vorwurf am Mittwoch im Prozess am Oberlandesgericht Stuttgart.

Verteidiger wirft Polizeinformant Schauspielerei vor

Polizeiinformant U. sei dringend verdächtig, selbst versucht zu haben, eine Terrorgruppe zu gründen, sagte der Verteidiger des Angeklagten Tony E., Jörg Becker. Die angebliche Gruppe S. habe nicht existiert, sondern sei von U. erfunden worden. U. habe die Rolle des Geheimagenten spielen wollen - ein Schauspiel, dem die Behörden später gefolgt seien.

Alles zusammen sei gefährlicher Unsinn gewesen, der dazu geführt habe, dass die anderen Angeklagten im Prozess falsch verdächtigt und ihrer Freiheit beraubt worden seien. Mehrere Verteidiger schlossen sich den Ausführungen an.

Bundesanwältin kritisiert Vorwürfe als "geschmacklos"

Die Vertreterin des Generalbundesanwalts nannte Beckers Ausführungen in Bezug auf den Tod von Ulf R. "geschmacklos". U.´s Rechtsanwalt Markus Haupt sprach von einer "Show" der anderen Verteidiger für die eigenen Mandanten.

Hin und her im Gerichtssaal

Zum lautstarken Wortgefecht kam es, als es darum ging, ob U. womöglich eine Woche zuvor einen Bandscheibenvorfall simuliert habe, um einen Prozesstag ausfallen zu lassen. Mit deutlichen Worten wies der Vorsitzende Richter Herbert Anderer Verteidiger Dubravko Mandic in die Schranken und ließ ihn nicht weiter reden.

Über seinen Mandanten Michael B. stellte Mandic daraufhin einen Befangenheitsantrag gegen den Richter. Der handele ihm gegenüber "kleinlich" und "unkontrolliert". Schon am Tag zuvor hatte Mandic gesagt, in dem Prozess deute vieles auf einen Justizskandal hin. Er bezog sich dabei auf die vermeintlich enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, Bundesanwaltschaft und U.

Welche Rolle spielte Markus K. aus Minden?

Zuvor hatten zwei Polizisten über eine Autofahrt berichtet, die sie im Februar 2020 mit dem Angeklagten Markus K. aus Minden hatten. K. wurde damals von ihnen von Karlsruhe zum Gefängnis nach Detmold gebracht – zwei Tage, nachdem die heutigen Angeklagten festgenommen worden waren. K. habe geknickt und nachdenklich gewirkt – nach seinen Worten könne er sich nicht erklären, wie er "in die Sache reingekommen sei".

Er habe sich gerade aus der rechten Szene verabschieden wollen, zum Treffen bei seinem Mindener Bekannten Thomas N. sei er arglos gefahren. N. habe ihn mit den Worten eingeladen, er sei doch ein "guter Mann". Anschläge habe er nicht verüben wollen.

12 Angeklagte: Sie sollen Anschläge auf Moscheen geplant haben

Zwölf Angeklagten wird am Oberlandesgericht Stuttgart vorgeworfen, eine Terrorgruppe gegründet zu haben. Bei dem Treffen in Minden seien Anschläge auf Moscheen verabredet worden, um dadurch einen Bürgerkrieg zu provozieren. Benannt ist die Gruppe nach dem mutmaßlichen Kopf, Werner S., aus Mickhausen in Bayern.

Stand: 14.07.2021, 15:53