Das erste und letzte Bild: Sternenkind-Fotografin aus Siegen

Sternenkind-Fotografin aus Siegen 04:15 Min. Verfügbar bis 20.10.2022

Das erste und letzte Bild: Sternenkind-Fotografin aus Siegen

Von Elisabeth Konstantinidis

Welche Bedeutung Erinnerungsfotos für Sternenkind-Eltern haben, können nur wenige erahnen. Fotos von toten Babys: Ein Thema, über das ungern gesprochen wird. Tanja Weiß aus Siegen möchte das ändern.

Sie ist seit drei Jahren ehrenamtliche Sternenkind-Fotografin und für die Stiftung "Dein Sternenkind" im Einsatz. Bereits 20 Mal hat sie Fotos von toten Babys gemacht. Fotos, die bleiben, wenn die Erinnerung verblasst. Im WDR-Interview erzählt sie von ihrem Ehrenamt und der damit verbundenen Aufgabe.

WDR: Wie würden Sie ihre Tätigkeit als Sternenkind Fotografin beschreiben? 

Tanja Weiß: Ich sehe meine Aufgabe darin, den Eltern das erste und das letzte Bild zu geben. Ich glaube, dass es unglaublich wichtig ist, diese Bilder zu haben und im Bedarfsfall auch anschauen zu können. Vielleicht brauchen die Eltern die gar nicht sofort. Vielleicht brauchen sie diese Fotos erst viel später. Aber für mich ist es wichtig, den Eltern Momente einzufangen, an die sie sich erinnern können.

WDR: Welche Gedanken haben Sie vor einem Einsatz? 

Baby-Klewidung und Schmetterling aus Filz

Die Fotografin bringt Babykleidung und verschiedene Utensilien mit

Tanja Weiß: Während ich meine Sachen zusammenpacke, bin ich schon sehr damit beschäftigt, was auf mich zukommt. Ich bin sehr darauf bedacht, nichts zu vergessen. Und natürlich bin ich in Gedanken bei den Eltern. In der Regel habe ich vorher schon mit dem Krankenhaus telefoniert oder mit den Eltern selber und bin dann in Gedanken damit beschäftigt, was da jetzt für eine Situation auf mich zukommt.

WDR: Was darf bei einem Einsatz nicht fehlen ?

Tanja Weiß: Ich habe immer eine Fleecedecke als Unterlage dabei, verschiedene Kleidungsstücke für die unterschiedlichsten Schwangerschaftswochen, aber auch kleine Utensilien wie ein Herz oder einen Schmetterling. Es wird aber nur das eingesetzt, was die Eltern auch möchten.

WDR: Sie werden durch eine Alarmierung über einen möglichen Einsatz informiert. Wie läuft so etwas ab?

Tanja Weiß: Es kann passieren, dass ich am Tag alleine 10 bis 15 Alarmierungen erhalte. Wir Fotograf:innen können uns für verschiedene Alarmkreise eintragen. Für mich habe ich einen Radius von 80 km gesteckt, wo ich generell bereit wäre, zu fahren. Im Bedarfsfall fahre ich auch weiter. Wenn ein Alarm reinkommt, erfahre ich, wo der Einsatz ist, welche Schwangerschaftswoche vorliegt und wie dringend der Einsatz ist. Ich entscheide, ob ich diesen Einsatz annehme.

Sternenkind-Fotograf:innen

Portrait der Sternenkind Fotografin Tanja Weiß

Tanja Weiß fotografiert verstorbene und totgeborene Babys

Tanja Weiß aus Siegen ist Sternenkind-Fotografin. Sie ist eine von 650 Fotograf:innen, die ehrenamtlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die Stiftung "Dein Sternenkind" im Einsatz sind. Sie sind als Ehrenamtliche über eine App vernetzt und durch eine Alarmfunktion rund um die Uhr erreichbar.

Seit Anfang 2016 haben die Fotografen von "Dein Sternenkind" mehr als 11.100 Einsätze gehabt. Die Zahl steigt von Jahr zu Jahr: Waren es 2016 noch rund 350 Einsätze, wurden in diesem Jahr bereits 4.250 Einsätze gezählt.

WDR: Gewöhnt man sich irgendwann an diese Einsätze? 

Tanja Weiß: Nein, es ist jedes Mal sehr emotional und einzigartig. Dieser Moment, vor der Zimmertür zu stehen und da jetzt reinzugehen, ohne zu wissen, was genau kommt auf mich zu. Ich betrete eine ganz intime Situation, in die man normalerweise nicht freiwillig einen Fremden reinlassen würde. Das ist für mich der schwierigste und emotionalste Moment.

WDR: Welche Resonanz erhalten Sie von den Eltern? 

Tanja Weiß: Die Eltern sind dankbar, diese Fotos zu haben. Der Umgang damit ist jedoch unterschiedlich. Es gibt Eltern, die erst Monate nachher die Fotos anschauen. Der Schmerz liegt noch zu tief. Ich bekomme ja nicht immer eine Rückmeldung, ob und wann sie die Bilder anschauen, aber für mich ist wichtig, dass es sie gibt. Insgesamt sind sie aber alle froh, denn diese Bilder zeigen sie als Familie. Eine Tatsache, die oft in unserer Gesellschaft verdrängt wird.

WDR: Wie hat ihre Tätigkeit ihre Einstellung zu dem Thema Sternenkinder verändert?  

Tanja Weiß: Der Tod von älteren und erwachsenen Menschen ist, glaube ich, präsenter. Durch meine Tätigkeit ist mir deutlich geworden, wie viele Kinder entweder innerhalb der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben. Ich habe gemerkt, dass immer noch ein Deckmantel des Schweigens über diesem Thema liegt. Menschen, die sich nicht trauen, die Familien darauf anzusprechen oder insgesamt, dass das Thema keinen Raum findet. Ich wünsche mir einfach, dass das nicht mehr tabuisiert wird.

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Für Betroffene oder auch Fotografen, die sich selbst engagieren wollen, gibt es weitere Informationen auf der Webseite der Stiftung - www.dein-sternenkind.eu 

Stand: 20.10.2021, 07:30