WDR-Stadtgespräch aus Bielefeld: Sind die Innenstädte noch zu retten?

Ministerin Ina Scharrenbach und WDR5-Moderatorin Judith Schulte-Loh (links) im Studio

WDR-Stadtgespräch aus Bielefeld: Sind die Innenstädte noch zu retten?

Leerstände in Innenstädten waren schon vor Corona ein Problem, jetzt hat sich die Situation verschärft. NRW-Ministerin Ina Scharrenbach hat mit WDR5-Hörerinnen und Fachleuten diskutiert.

"Wir leiden wie die Hunde, und ich werde immer wütender. Es ist eine Frechheit! Wir arbeiten doppelt so viel und haben aber nur 30 Prozent des Umsatzes", sagt ein Herrenausstatter aus Brakel im Kreis Höxter.

Stadtgespräch Bielefeld: Sind unsere Innenstädte noch zu retten?

WDR 5 Stadtgespräch 11.03.2021 55:20 Min. Verfügbar bis 11.03.2022 WDR 5


Download

Dabei kann in diesem Grenzgebiet zu Hessen und Niedersachsen sogar ohne Termin wieder eingekauft werden. Für besonders großen Ärger sorgt die Tatsache, dass von den finanziellen Unterstützungen der Politik immer noch nichts angekommen sei. So habe er bereits einen Teil der Rentenvorsorge auflösen und sich Geld von der Familie leihen müssen, klagt der Einzelhändler.

Geschäfte können nicht planen

Außerdem fehle in dieser Krise die Planbarkeit, ergänzt Daniela Drabert, Einzeländlerin und Vorsitzende der Werbegemeinschaft in Minden. Sie kenne auch Beispiele von Händlern, die erst Hilfe bekommen hätten und die dann wieder hätten zurückzahlen müssen.

Ministerin: "Corona als Brandbeschleuniger"

Leere Duisburger Innenstadt während Corona

Corona verstärkt die Probleme

Die Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW, Ina Scharrenbach (CDU); kann diese Kritik nachvollziehen und räumt Probleme ein. Die Coronapandemie verschärfe Probleme, die es in den Innenstädten bereits vorher schon gab: "Es hat als Brandbeschleuniger gewirkt, wir erleben das seit März 2020."

70 Millionen Euro Sofortprogramm

Im "Sofortprogramm Innenstadt 2020" hat das Land NRW 70 Millionen Euro bereitgestellt, um Leerstände und Schließungen von Gastronomie und Handel zu vermeiden. Noch gibt es rund 100.000 Geschäfte in NRW-Citys mit etwa 750.000 Beschäftigten. Aber: In den vergangen zehn Jahren sind bereits rund sechs Prozent der Geschäfte verschwunden.

Während der Pandemie trifft es den Gaststättenverband nach eigener Aussage noch heftiger als den Einzelhandel. Hier wird befürchtet, dass jeder dritte Betrieb in den Stadtzentren schließen muss.

Stadtentwicklung als langfristige Aufgabe

Pit Clausen im Studio

Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen

Für Bielefelds Oberbürgermeister und Vorsitzenden des Städtetags NRW, Pit Clausen (SPD), sei ein wichtiger erster Schritt, die Stadtentwicklung langfristig und nachhaltig anzupacken: "Aber die Revitalisierung der Innenstädte ist kein Sprint, das wird ein Marathon. Das wird auch nicht nur darum gehen, ein paar Blumenkübel aufzustellen, sondern Innenstädte völlig neu zu entwickeln und zu planen".

Innenstädte werden sich verändern

Einig sind sich sowohl Ministerin als auch Oberbürgermeister, dass sich die Städte wandeln werden. Eine Umfrage der NRW-Landesregierung hatte ergeben, dass Handel und Gewerbe an Bedeutung verlieren werden: Für die Innenstädte werden Themen wie Tourismus, Freizeit, Kultur und auch Wohnen wichtiger.

Umfassende Herausforderungen für die Zukunft

Wie schwierig das ist, zeigt ein Beispiel aus Mülheim an der Ruhr, merkt ein WDR5-Hörer an. Die Stadt sei tot, es gebe keine Attraktivität, andere Einkaufszentren seien eine zu große Konkurrenz.

Kesselbrink hat eine neue Kletteranlage

Kesselbrink hat eine neue Kletteranlage

Ein anderes Beispiel ist der Kesselbrink, ein zentraler Platz in Bielefeld. Der habe zwar NRWs größten innerstädtischen Skatepark, Grünanlagen und gastronomische Angebote, doch er wurde in den vergangenen Jahren immer wieder umgebaut. Regelmäßig gibt es am Kesselbrink Probleme mit Kleinkriminiellen und durch Konflikte mit Besuchern, Kunden, Patienten und Touristen auf dem Platz, die sich belästigt fühlen.

Für Pit Clausen ist der Kesselbrink dagegen ein Erfolgsmodell: "Das war vor zehn Jahren ein Parkplatz. Heute ist das ein belebter Platz, insbesondere bei gutem Wetter tummeln sich da hunderte von Menschen." Aber Menschen,engen bedeuteten auch neue Probleme. Das fange beim Dreck, bei der Vermüllung an und natürlich habe man dort auch Leute auf dem Platz, die man sich da nicht wünsche.

Unterschiedliche Interessen bündeln

Die größte Herausforderung der Zukunft sieht die Mindenerin Daniela Drabert darin, unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bekommen: "Der Stadtbesucher und Kunde hat andere Interessen, als der, der dort wohnt." Sie sieht die Chance vor allem darin, dass die Menschen vor Ort die besten Ideen entwickeln. Und das ist genau das, was das Land fördern möchte.

Stand: 12.03.2021, 08:14