Eine Frau hält zwei historische Fotos von Hermann Albrecht Insinger in den Händen

Historischer Fund: Stadtarchiv Bielefeld digitalisiert Foto-Schatz

Stand: 12.07.2022, 07:34 Uhr

Das ist in der Stadtarchiv-Geschichte einmalig: 7.000 Aufnahmen zeigen Europa um 1900. Die Bilder werden jetzt gesichtet, digitalisiert und der Öffentlichkeit online zur Verfügung gestellt.

Von Jan-Ole Niermann

Das Bielefelder Stadtarchiv erhofft sich dadurch Hinweise zu den fotografierten Orten. "Niemand zuvor hat das geöffnet. Hermann Albrecht Insinger hat diese Umschläge geschlossen", sagt Vanessa Charlotte Heitland mit einem leicht vergilbten Umschlag in der Hand, "das ist jetzt ein erhebendes Gefühl, die erste Person zu sein, die das Ganze wieder betrachten darf."

Über Umwege ins Stadtarchiv Bielefeld

Dieses „Ganze“ sind insgesamt etwa 7.000 Foto-Negative. Aufnahmen, die Hermann Albrecht Insinger vor mehr als einhundert Jahren auf seinen Reisen aufgenommen hat. Er war ein niederländischer Kaufmann (1825-1911) und Politiker aus Amsterdam. Ab 1889 zog er sich aus dem Berufsleben zurück und nach Paris. Als Privatier liebte er das Reisen ebenso wie das Fotografieren.

Eine Frau blättert sich durch historische Fotos des Kaufmanns Hermann Albrecht Insinger

Kunsthistorikerin Vanessa Charlotte Heitland bei der Sichtung einiger Aufnahmen

So entstanden um 1900 insgesamt etwa 7.000 Bilder an mehr als 100 Orten in ganz Europa. Heitland beeindrucken dabei vor allem die Portraits von Menschen: "Er hat Fischer fotografiert oder Bauernfamilien, mit einem unglaublichen Gespür für Personen. Er hat also wirklich an den einzelnen Orten versucht, die Menschen in ihrem Leben zu erspüren."

Handschriftliche Notizen aus dem Jahr 1892 neben einem schwarz-weiß Selbstportrait des Kaufmanns Hermann Albrecht Insinger

Ebenfalls im Stadtarchiv: Private Notizen und Selbstportraits Insingers

Ins Bielefelder Stadtarchiv kam der fotografische Nachlass über persönliche Beziehungen: Insingers Tochter Charlotte heiratete einen deutschen Pastor und zog nach Bielefeld-Bethel. Nach ihrem Tod kamen die Aufnahmen vermutlich ins Stadtarchiv – dort wurden sie zunächst nicht beachtet. Bis sie beim Umzug des Stadtarchivs gefunden wurden. Jetzt werden sie mit Fördergeldern des Deutschen Bibliotheksverbands gesichtet und digitalisiert.

Blick für Landschaft und Menschen

Mit einem Spezialscanner werden die Negative jetzt einzeln von einem Experten in Bonn eingescannt. Bei der Sortierung helfen handschriftliche Kataloge und Notizen Insingers. Für weitere Hinweise setzt das Stadtarchiv jetzt zum ersten Mal auf die Internet-Community, Crowdsourcing und die Foto-Plattform "Flickr", wo die Aufnahmen veröffentlicht werden.

Die Obernstraße in Bielefeld um 1900

Die Obernstraße in Bielefeld um 1900

Dadurch erhofft sich das Stadtarchiv Rückmeldungen von Nutzerinnen und Nutzern, Institutionen und Vereinen aus den jeweiligen Städten. Erste Kontakte nach Amsterdam oder Neapel haben sich dabei zum Beispiel schon ergeben. "Da kommt einstimmig immer wieder die Begeisterung für die Qualität der Arbeit", sagt Vanessa Charlotte Heitland.