Cyber Mobbing, Grooming und Co. - Unsere Kinder und das World Wide Web

Ein Mädchen steht auf dem Schulhof und blickt entsetzt auf ihr Handy.

Cyber Mobbing, Grooming und Co. - Unsere Kinder und das World Wide Web

"Wir erziehen unsere Kinder. Wir bringen ihnen Umgangsformen bei, zum Beispiel das Essen mit Messer und Gabel. Nur beim Umgang mit den Sozialen Medien überlassen wir sie sich selbst", sagt Manuela Mohn. Sie ist Social Media Trainerin in Neheim und gibt Workshops für Kinder und Eltern. 

Meist beginnt es mit harmlosen YouTube Videos. "Das ist unsere halbe Stunde, in der wir Ruhe haben“, sagt Manuela Mohn. Eltern seien sich oft ganz sicher, überall die richtigen Sicherheitseinstellungen gewählt zu haben, meist stimmt das aber nicht. Oft können es die Kinder besser als die Eltern.

WDR: Die Kinder und das Internet. Frau Mohn, wie und wann fängt das eigentlich an? 

Manuela Mohn, Persönlichkeitstrainerin aus Neheim

Manuela Mohn schult Kinder und Eltern.

Manuela Mohn: "Es fängt damit an, dass sie ein ausrangiertes Tablet oder Handy von den Eltern bekommen. Da ist natürlich keine SIM-Karte mehr drin. Das passiert oft so im Alter von etwa 6 Jahren. So ab 9 Jahre oder spätestens in der weiterführenden Schule muss das Kind ja dann auch erreichbar sein.

Der Konsum beginnt oft mit einer Plattform wie YouTube. Zuerst schaut man beispielsweise die Videos mit den tollen Fußballtoren. Stoppt man die Ausspielung nicht, geht das immer weiter und irgendwann sind es nicht mehr die Tore, sondern die besten Fouls. Die Videos werden immer heftiger, die Kinder werden in einen Bann gezogen.“ 

WDR: In ihrer Entwicklung wird Aufmerksamkeit und Anerkennung für die Kinder immer wichtiger. Sie möchten dazu gehören, zwangsläufig auch auf den gängigen Sozialen Netzwerken. Hier begegnen sie sehr häufig Cyber Mobbing. Wissen die Kinder, was das ist? 

Mohn: "Die sind alle auf Sendung, die wissen alle, was gemeint ist. Cyber ist vielleicht öfters noch ein fremder Begriff. Aber bei Mobbing wissen sie alle, was los ist. Mal in Zahlen: Jedes dritte Kind im Grundschulalter hat Mobbing entweder selbst oder schon miterlebt. Das ist für Kinder kein Fremdwort mehr."

Manuela Mohn

Manuela Mohn ist Persönlichkeits- und Social Media Trainerin aus Neheim. Die 33-Jährige bietet Kurse für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien. Sie möchte Eltern helfen, ihre Kinder besser zu verstehen. In ihren Kursen geht es um Pubertät, Selbstvertrauen oder um die Gefahren des Internets. Mit www.generation-gluecklich.de hat Manuela Mohn auch eine eigene Plattform.

WDR: Wo passiert Cyber Mobbing am häufigsten? Kann man das eingrenzen? 

Mohn: "Cyber Mobbing passiert in WhatsApp-Gruppen, da werden z.B. kompromittierende Bilder rumgeschickt, Bildmontage, der Kopf des Kindes auf falschen Körpern zum Beispiel. Das passiert aber auch bei Snapchat oder das passiert in Spielen wie Fortnite oder auch bei Quizshows. Da gibt es dann solche Nachrichten: Du Looser, wie kann man das nicht schaffen oder wie kann man das nicht wissen. Es kann überall im World Wide Web passieren, egal wo.“

WDR: Was sagen Sie den Kindern in ihren Workshops, wie sollen sie auf Mobbing reagieren?

Mohn: "Mobbing passiert auf Grund von fehlendem Selbstvertrauen. Dadurch kommt die Unsicherheit und die macht Mobbing überhaupt möglich. Deshalb sage ich den Kindern: Fragt euch, ob das wirklich stimmt. Schaut euch an, wer es sagt, ist es die Wahrheit und sind diese Leute wirklich wichtig für euch?"

WDR: Welche Tipps geben Sie noch, Frau Mohn?

Mohn: "Achtet darauf, wem ihr welche Fotos von euch schickt. Es kann alles verunstaltet werden. Haltet euch von Leuten, die keine echten Freunde sind, einfach generell fern. Oft ist es nur eine Laune dieser Menschen, es hätte auch jeden anderen treffen können.

Kinder lernen die Gefahren von Sozialen Netzwerken kennen

Social Media Workshop für Kinder und Jugendliche

Und das Allerwichtigste: Es darf euch nicht peinlich sein. Geht zu euren Eltern, zu euren Vertrauenslehrern, zu größeren Geschwistern oder euren besten Freunden und sprecht es an. Erzählt von euren Gefühlen und schämt euch nicht dafür. Ihr seid nicht Schuld daran, dass es euch passiert. Wer es nicht direkt sagen kann, kann zum Beispiel auch ein eigenes Video drehen und schicken. Dafür haben sie ja auch ein Handy, so fällt es oft leichter.“

WDR: Heute haben Kinder und Jugendliche ihre eigenen Accounts bei Tik Tok, Instagram oder Snapchat. Dort ist nicht nur Cyber Mobbing ein Problem, sondern auch Cyber Grooming. Wer oder was steckt dahinter? 

Mohn: "Cyber Grooming bezeichnet das Annähern, das Aufsuchen von minderjährigen Kindern, mit dem Hintergrund von sexuellem Missbrauch, sexuellen Handlungen. Pädophile Menschen suchen sich genau diese Chatplattformen aus. Die sind super informiert darüber, wo sich die Kinder und Jugendlichen zur Zeit aufhalten im Netz. Das findet übrigens auch bei Spielen wie Fortnite statt. Wo sie dann anbieten, wenn sie ein Foto von dem Kind bekommen, es dann in den Clan zu bringen, wo alle rein wollen.

Bei Ebay Kleinanzeigen zum Beispiel suchen solche Leute ganz gezielt nach Angeboten von Spielzeug oder Kinderbekleidung. Oft stecken wirklich Kinder dahinter, die nur versuchen, ihr Taschengeld aufzubessern. Diese Menschen haben Strategien, das ist hochprofessionell, die wissen ganz genau, welche Bedürfnisse Jugendliche haben. Oft geben sie ihnen die nötige Anerkennung und Wertschätzung. Sie heucheln den Kindern was vor.“ 

WDR: Auch Cyber Grooming ist strafbar. Wenn das eigene Kind Kontakt zu so jemandem im Netz hat, was kann man tun? 

Mohn: "Erstmal sofort den Kontakt abbrechen. Selbst Ablehnung und Beleidigung machen solche Leute leider an. Ignoranz ist das Wichtigste. Am besten sofort von den Nachrichten Screenshots machen. Im Nachhinein lässt sich mittlerweile vieles löschen. Deshalb Screenshots von der Unterhaltung machen, den User-Namen aufschreiben, aber auch den des Kindes, dann natürlich die Plattform und an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit der Kontakt stattgefunden hat und bitte schnell zur Polizei.“

WDR: Wer braucht im Umgang mit den Sozialen Netzwerken und den damit verbundenen Gefahren mehr Unterstützung: Die Kinder oder die Eltern?

Mohn: "Es sind oft die Eltern. Das ist jetzt gerade eine Generation, die wurschteln sich da so durch und lassen sich halt auch oftmals von ihren Kindern erklären, wie sie das am Handy machen müssen. Aber es fängt ja auch meist so an, dass ich meinen Kindern das eigene Handy in die Hand gebe. Das sieht man ganz oft in Restaurants, wo die Kinder beim Essen mit dem Smartphone der Eltern spielen, damit sie ruhig sind.

Es wird den Kindern so schon eine Normalität vermittelt, ohne diese gewisse, gesunde Vorsicht. Mit Begriffen wie Cyber Grooming, oder Happy Slapping Videos können Eltern nichts anfangen. Das sind Videos, die Gewalttaten zeigen mit lustiger Musik im Hintergrund, die meisten Eltern sind bei diesen Dingen leider absolut ahnungslos.“ 

Das Interview führte Alexa Schröder.

Stand: 03.11.2021, 14:40