"Ich habe Lebenslang": Interview zu sexualisierter Gewalt

Nahaufnahme: Als Kind sexualisierter Gewalt ausgesetzt

"Ich habe Lebenslang": Interview zu sexualisierter Gewalt

Tanja wurde als Kind jahrelang Opfer sexualisierter Gewalt. Das Erlebte lässt sie auch heute, Jahre später, nicht los. Lange hat sie geschwiegen. Ein Fehler - das weiß sie heute. Denn das lange Schweigen hat Tanja viel Kraft gekostet. 

Heute will sie nicht mehr schweigen. Sie hat uns ihre Geschichte im WDR-Interview erzählt und möchte mit ihrem Erlebten andere Opfer ermutigen, sich zu öffnen und sich Hilfe zu holen.

WDR: Wie geht es Dir heute?

Nahaufnahme: Als Kind sexualisierter Gewalt ausgesetzt 05:08 Min. Verfügbar bis 16.10.2021

Tanja: Ich kämpfe jeden Tag mit den Gedanken an das Erlebte. Ich habe oft Tage, an denen ich denke, ich schaffe den Tag nicht. Diese Tage kosten mich unendlich viel Kraft und machen mich müde. 

WDR: Kannst Du in Worte fassen, wie dich der Missbrauch verändert hat? 

Tanja: Ich habe oft das Gefühl, dass ich in der Phase meines kindlichen Daseins stecken geblieben bin. Ich fühle mich oft hilflos, bin innerlich komplett zerrissen. Ein Gefühl der Ohnmacht. 

WDR: Tanja, du hast lange das Erlebte verdrängt. Wann war Dir erstmals klar, dass du Opfer sexualisierter Gewalt bist?

Tanja: Das erste Mal, dass ich wirklich klar wusste: 'Ok, das ist mir passiert', war vielleicht so im Alter von 20. Aber immer noch so mit diesem komischen Gefühl von 'Das hast Du gar nicht erlebt, das ist überhaupt nicht passiert'.

Das ist wie ein Film, den ich mal gesehen habe, wo man so dunkle Erinnerungen dran hat. Ich habe mich lange gegen diese Gedanken gesträubt, wollte nicht wahrhaben, dass das wirklich passiert ist.

WDR: Wie beeinflusst das Erlebte deine Familie?

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Sexualisierte Gewalt: Tanja schweigt nicht mehr.

Tanja: Das Erlebte hängt wie ein unsichtbarer Schleier über uns. Verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Ich habe meinen Eltern erst sehr spät von dem Missbrauch erzählt. Mein Mann und meine Kinder wissen auch davon. Sie versuchen, mir jederzeit Kraft zu geben.

Doch das funktioniert nicht an jedem Tag. Das Schlimmste ist: Ich bin gebrandmarkt und nicht nur ich. Ich ziehe alle meine Lieben, meine Kinder, meinen Mann, meine Familie, meine Eltern, alle mit rein. Wir alle haben Lebenslang. 

WDR: Du hast sehr lange damit gewartet, dich deiner Familie zu öffnen. Warum? 

Tanja: Ich wollte keinen damit belasten. Ich wollte selbst kämpfen, dachte, ich bin stark genug, das Erlebte aufzuarbeiten. Doch es war falsch, so zu denken. Das weiß ich heute. Ich hätte mich schon viel früher öffnen müssen. Reden, sich Hilfe holen, sich helfen lassen: Das ist der einzige Weg. 

WDR: Du gehst seit zwei Jahren zur Selbsthilfe. Wie wichtig ist das für Dich?

Tanja: Für mich war es sehr wichtig. Plötzlich war ich nicht mehr allein mit den vielen Gedanken. Zu merken, da sind noch andere Menschen, die genauso empfinden wie ich, hat mir gut getan. Ich fühlte mich auf einmal nicht mehr allein. In der ersten Zeit hat es mir auch geholfen, mich zu akzeptieren, mich anzunehmen. Alleine wäre ich aus dem Teufelskreis nicht rausgekommen. 

WDR: Deine Mutter hat nun eine Selbsthilfegruppe für Angehörige gegründet. Was war der Grund?

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Tanjas Mutter hat eine Selbsthilfegruppe für Angehörige gegründet.

Tanja: Selbsthilfe ist nicht nur für Opfer wichtig. Auch Angehörige leiden ein ganzes Leben unter der Tat. Das war der Grund, warum sich meine Mutter dazu entschlossen hat. Gespräche, Austausch: Hier können sich Familienmitglieder gegenseitig unterstützen. 

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Kontakt zur Selbsthilfegruppe für Angehörige von Missbrauchsopfern: 

DRK-Selbsthilfe-Kontakt: 02761 - 2643 oder unter shk@kv-olpe.drk.de

Stand: 16.10.2020, 10:37

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