Nach Einsatz in Seniorenresidenz in Enger: Fehlt Personal?

Senioren sitzen im Kreis zusammen.

Nach Einsatz in Seniorenresidenz in Enger: Fehlt Personal?

Von Oliver Köhler und Noah Brümmelhorst

Ein Pfleger aus einem Altenheim in Enger ruft die Polizei, weil er sich überfordert fühlt. Seitdem ermitteln die Beamten. Was war passiert? Und war das ein Einzelfall?

Die Zustände in der Seniorenresidenz „Mathilde“ seien katastrophal gewesen, schildert eine Angehörige einer Bewohnerin die Situation im WDR-Interview. Die Frau möchte anonym bleiben. Als sie ihre demente Mutter an dem Montag Ende August besuchen wollte, sei diese dehydriert und allein auf ihrem Zimmer gewesen.

"Es war keiner da. Im ganzen Haus nicht. Irgendwann kam dieser Pfleger, brachte Medikamente." Daraufhin habe die Frau den Pfleger gefragt, wo denn alle anderen seien. Er wisse es auch nicht.

Angehörige der Bewohnerin stellt Strafanzeige

Genau dieser Pfleger soll dann wenig später auch den Notruf gewählt haben. Er soll um Hilfe gebeten haben, die Betreuung der Bewohner sei nicht sichergestellt. Als Polizisten, Sanitäter und eine Notärztin in das Heim kamen, habe keine akute Gefahr bestanden, sagt die Aufsichtsbehörde später.

Die Angehörige hat wegen der Vorfälle Strafanzeige gestellt. Die Polizei ermittelt unter anderem wegen unterlassener Hilfeleistung, Körperverletzung und Nötigung. Wie dramatisch war die Situation?

Seit dem 1. September ist Christopher Mertes neuer Heimleiter. Der Vorfall ereignete sich also noch bevor er diese Funktion inne hatte. Er war an dem Tag Ende August aber schon in der Einrichtung. Erklären kann er sich den Vorfall nicht, es habe an dem Abend genug Personal gegeben: "Seitdem ich hier bin, werden die Bewohner gut versorgt. Da gibt es keine Defizite."

Kreis Herford überprüft Einrichtungen

Der Kreis Herford als aufsichtsführende Behörde teilt auf Nachfrage mit: Neben der Seniorenresidenz Mathilde in Enger sei auch eine Einrichtung in Kirchlengern negativ aufgefallen - beide gehören zu "Orpea Deutschland", einem großen Anbieter von Pflegeeinrichtungen.

"Seitens der Behörde konnten verschiedene Mängel festgestellt werden, die im Wesentlichen die Bereiche Personal, Dokumentation und pflegerische Versorgung betreffen." Mit dem Träger sei ein Aufnahmestopp vereinbart worden und die Einrichtung werde nun regelmäßig kontrolliert.

Forderung: mehr Personal

Wie konnte es dazu kommen? Wie gut sind Pflegeheime in der Region personell aufgestellt? Der Altenpfleger Ferdi Cebi aus Paderborn hat schon mehrmals auf die Situation in der Pflege aufmerksam gemacht. Sogar die Bundeskanzlerin ist auf Einladung von ihm 2018 nach Paderborn gereist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Pfleger Ferdi Cebi bei einer Bewohnerin des Johannisstift

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Pfleger Ferdi Cebi bei einer Bewohnerin des Johannisstift

Schon damals hat er sich bessere Bedingungen in der Pflege gewünscht: mehr Lohn, Personal und bessere Arbeitsbedingungen. Der Fall aus Enger schockiert auch ihn. Sowas sei nicht Alltag. Dennoch stellt er fest, dass es zu wenig Personal in den Einrichtungen gebe.

Für Cebi wäre es eine Lösung, den bisherigen Personalschlüssel so zu verändern, dass seine Bemessung nicht mehr nur von den Pflegegraden abhängig ist, sondern individuelle Bedürfnisse der Bewohner mit einfließen. Denn es könne durchaus sein, dass ein Bewohner mit einem niedrigen Pflegegrad mehr Betreuung benötige als jemand mit einem hohen Pflegegrad.

Eine Lösung in Sicht?

Die Universität Bremen hat im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ein neues System zur Personalbemessung erstellt. Dafür wurden Pflegekräfte bundesweit eine Woche lang von Forschenden begleitet. Diese haben analysiert, welche Pflegeschritte zeitlich nicht möglich waren und wie viel Personal es dafür braucht.

Das Ergebnis: "Im Bundesdurchschnitt brauchen wir 36 Prozent mehr Personal, das aber fast nur im Bereich der qualifizierten Hilfskräfte, das heißt nur ganz wenig mehr Fachkräfte oder ungelernte Kräfte", sagt Thomas Kalwitzki von der Universität Bremen.

Genau diese Personengruppe müsse nun rekrutiert werden, um den Personalmangel zu beheben. Theoretisch sei das System der Universität Bremen in den nächsten Jahren bundesweit anwendbar, um die Personalbemessung neu aufzustellen.

Pflegenotstand "absurd": Wie Flüchtlinge vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden Monitor 19.09.2019 07:11 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Lara Straatmann, Nikolaus Steiner

Stand: 04.10.2021, 07:34