Fall Lügde: "Kinder leiden oft unter der schlechten Zusammenarbeit der Behörden"

30.01.2019, NRW Lügde: Ein Polizeiabsperrband hängt auf dem Campingplatz Eichwald.

Fall Lügde: "Kinder leiden oft unter der schlechten Zusammenarbeit der Behörden"

Im Kreis Lippe wurden drei Verdächtige festgenommen, die mehr als 23 Kinder sexuell missbraucht haben sollen. Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, sieht NRW-Innenminister Joachim Stamp (FDP) in der Pflicht, zur Aufklärung beizutragen.

WDR 5: Wieso fehlt es bei Behörden oft an der notwendigen Sensibilität, Missbrauch schneller zu erkennen?

Johannes-Wilhelm Rörig: Es ist grundsätzlich sehr schwer, sexuellen Kindesmissbrauch zu erkennen. Das ist eine große Herausforderung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendämter und Ermittlungsbehörden. Das ist schwerer als bei körperlicher Gewalt, wenn es um Schläge oder Tritte geht. Es fehlen oft Spuren.

"Transparenz schaffen" im Kindesmissbrauchsfall Lügde

WDR 5 Morgenecho - Interview 31.01.2019 05:41 Min. Verfügbar bis 31.01.2020 WDR 5

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Fast immer ist Missbrauch von langer Hand geplant. Das gehört zur Strategie der Täter: Sie manipulieren ihr Umfeld und sind Meister in der Irreführung anderer. Täter und Täterinnen setzen die Kinder unter enormen Druck zu schweigen. Sie schüchtern sie ein, mit Gewaltandrohung. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendämter erschließt es sich also gar nicht so richtig , dass es um sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche geht.

WDR 5: Aus Ihrer Sicht ist das Verhalten der Behörden also erklärbar, weil den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nichts aufgefallen ist?

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (CDU), am 13.12.2011 in Berlin

Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Rörig: Man hat natürlich ein Grummeln im Bauch, wenn man die Bilder von dem Campingplatz sieht. Es muss jetzt genau geprüft werden, warum dem Hauptverdächtigen die Erlaubnis erteilt wurde, Pflegevater des Kindes zu sein. Ich sehe hier die Landesregierung von NRW und Innenminister Stamp in der Pflicht, zu voller Aufklärung beizutragen - neben den strafrechtlichen Ermittlungen.

Es muss geklärt werden, ob es persönliche oder strukturelle Gründe für das Versagen der Behörden gegeben hat. Es muss Transparenz geschaffen werden. Und, ganz wichtig: Aus diesem - wieder - monströsen Missbrauchsfall müssen positive Konsequenzen für die Zukunft gezogen werden.

WDR 5: Nach einem schweren Missbrauchsfall in Staufen in Baden-Württemberg hat das Land eine Kinderschutz-Kommission an den Start gebracht. Sie waren bei den Gesprächen dabei. Wäre das ein Vorbild auch für NRW?

Kindesmissbrauch

"Aus monströsem Missbrauchsfall positive Konsequenzen für die Zukunft ziehen"

Rörig: Ja, darin sehe ich ein Vorbild. Ich habe genau zugehört, wie die Arbeitsgruppe, die aus mehreren Ressorts zusammengesetzt war, den Fall sehr genau betrachtet - und wichtige Erkenntnisse gewonnen hat, wo eine Kommunikation zwischen einzelnen Behörden nicht stattgefunden hat. Im aktuellen Fall haben wir jetzt die Besonderheit, dass es um ein niedersächsisches und ein nordrhein-westfälisches Jugendamt geht und dass da möglicherweise der Austausch nicht geklappt hat. Oft ist es so, dass durch eine mangelhafte Zusammenarbeit der Behörden das Kindeswohl so schrecklich unter die Räder kommt.

Ich bin froh, dass auf Bundesebene, gemeinsam mit den Ländern, über eine Reform des Kinder- und Jugendhilferechts gesprochen wird. Da geht es auch um eine Stärkung der Jugendämter. Und da muss jetzt auch der Paragraph 44, die Zustimmung zur Erteilung der Pflegschaft, noch mal unter die Lupe.

WDR 5: Sie haben NRW-Innenminister Stamp erwähnt. Wären Sie bereit, ihn zu besuchen und zu beraten?

Rörig: Selbstverständlich würde ich eine Einladung annehmen und dort als Experte darüber sprechen, wie wir den Kinderschutz verbessern können, damit sich solche Fälle nicht wiederholen.

Die Fragen stellte Edda Dammüller im WDR 5 Morgenecho vom 31.01.2019

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und kann gekürzt sein. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 31.01.2019, 12:42