Missbrauch in Lügde: Beweise weg, für Minister "Polizeiversagen"

Missbrauch in Lügde: Beweise weg, für Minister "Polizeiversagen"

Von Sabine Tenta und Thomas Drescher

  • 155 CDs und DVDs aus Räumen der Kripo verschwunden
  • Beweise im Fall Lügde schon seit vier Wochen vermisst
  • Innenminister schickt Sonderermittler nach Detmold

Bei Ermittlungen zum sexuellen Missbrauch in Lügde ist Beweismaterial verschwunden: 155 CDs und DVDs, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag (21.02.2019). Das Material stamme aus dem Wohnwagen eines der Verdächtigen und habe sich im Polizeipräsidium Lippe in Detmold befunden.

Der Innenminister spricht von einem "Polizeiversagen" und einem "Debakel", das ihn "fassunglos" mache.

Ein Sonderermittler des Landeskriminalamts mit vier Mitarbeitern soll den Skandal nun aufklären. Das Team hat am Mittwoch die Arbeit in Detmold aufgenommen. Minister Reul sagte vor Journalisten, bei den bisherigen Ermittlungen werde "kein Stein auf dem anderen bleiben".

Die ersten Ermittlungen hätten gezeigt, dass es bei der Auswertung des Beweismaterials durch die Polizei "zu schweren handwerklichen Fehlern gekommen ist", so Reul. "Das gilt sowohl für die Auswahl des eingesetzten Personals als auch für die Struktur der Ermittlungen."

Sichtungsraum unzureichend gesichert

Das Material ist aus einem Sichtungsraum der Kripo verschwunden. In ihm hätten Ermittler eine Erstsichtung des Beweismaterials vorgenommen. Die Datenträger waren nach Angaben des Ministers in einem Alukoffer aufbewahrt.

Der Raum sei nur unzureichend gesichert gewesen. Zahlreiche Personen hätten Zugang gehabt.

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Das Beweismaterial

Die Erstsichtung habe ergeben, dass überwiegend Software auf den verschwundenen Datenträgern war. Drei CDs sollen auch Fotos enthalten haben, jedoch keine Kinderpornografie. Von diesen CDs gebe es Sicherungskopien, sagte Reul. Der Minister ist überzeugt, dass die restlichen Beweise ausreichen, um die mutmaßlichen Täter zu verurteilen.

Das verschwundene Beweismaterial wurde von der Kripo zuletzt am 20.12.2018 gesehen, der Verlust ist am 30. Januar 2019 aufgefallen, so das Innenministerium.

Entschuldigung bei Opfern und Angehörigen

Der Minister entschuldigte sich bei den Opfern und ihren Angehörigen: "Das tut mir unendlich leid." Er könne auch im Namen der NRW-Polizei "nur vielmals um Entschuldigung bitten". Reul sprach von "vielen Versäumnissen bei der Polizei" und kündigte eine rückhaltlose Aufklärung an.

Auch der Landrat des Kreises Lippe, Axel Lehmann, sagte am Donnerstag in Düsseldorf, dass ihn die Vorgänge "fassungslos" machen.

Sexueller Missbrauch dutzender Kinder

Über Jahre sollen mindestens 31 Kinder auf einem Campingplatz in Lügde (Kreis Lippe) sexuell missbraucht worden sein. Drei Männer sitzen in Untersuchungshaft. Ermittelt wird insgesamt gegen sechs Verdächtige. Unter ihnen sind auch zwei Polizeibeamte, die der Strafvereitelung im Amt verdächtig sind.

Auch die Arbeit der Behörden ist in den Fokus geraten. Bei dem Hauptbeschuldigten lebte ein Pflegekind. Schon 2016 gab es Hinweise auf sexuellen Missbrauch, die der Polizei weitergegeben wurden.

Hinweis: In einer früheren Version haben wir geschrieben, dass Innenminister Herbert Reul von einem "Polizeiskandal" gesprochen habe. Tatsächlich sprach er während der öffentlichen Pressekonferenz von "Polizeiversagen".

Stand: 21.02.2019, 18:10

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