Queer in der Katholischen Kirche - funktioniert das?

Benedikt Getta steht vor dem Eingang der St. Jodokus Kirche in Bielefeld

Queer in der Katholischen Kirche - funktioniert das?

Von Christina Joswig

Als queerer Mensch aktiver Teil der Katholischen Kirche sein? Für Benedikt Getta aus Bielefeld lässt sich das problemlos vereinbaren. Er hat den ersten Queer-Gottesdienst in der Stadt organisiert.

Benedikt Getta ist seit vier Jahren Teil der Bielefelder St. Jodokus Gemeinde. Als Mitglied im Pfarrgemeinderat bringt er sich aktiv ins Gemeindeleben ein. Beruflich ist der 29-Jährige im Außendienst für die Katholische Kirche tätig.

Dass er schwul ist und katholisch, ist für ihn inzwischen kein Widerspruch mehr. Im Interview mit dem WDR erzählt Benedikt Getta von seiner Gemeinde und vom falschen Bild, dass die Kirche nach Außen abgibt.

WDR: In der Katholischen Kirche dürfen Homosexuelle keine Priester werden und auch nicht heiraten. War es für Sie kein Widerspruch, schwul zu sein und in die Katholische Kirche zu gehen?

Benedikt Getta: "Am Anfang, als ich den Weg wieder zur Kirche gefunden hatte, da habe ich mir über sowas tatsächlich Gedanken gemacht und gesagt: ‚Du kannst doch eigentlich nicht bei so etwas mitmachen und beruflich aktiv sein, das dich eigentlich gar nicht haben möchte.‘ Aber ich habe gemerkt, von Bielefeld aus ist Rom sehr weit entfernt und die gelebte Praxis sieht hier tatsächlich ganz anders aus.“

WDR: Was macht Ihre Gemeinde besonders?

Benedikt Getta: "Für mich unterscheidet sie sich durch eine ganz grandiose Offenheit von anderen Gemeinden, dass wirklich jeder hierhin kommen darf und kann. Vorausgesetzt, man möchte der Kirche noch eine Chance geben. Jeder darf sich hier so einbringen, wie er oder sie es möchte.“

WDR: Hält sich Ihre Gemeinde nicht an Regeln in der Katholischen Kirche?

Benedikt Getta: "Auch hier wird es letztendlich die Regeln geben, die es überall in der Katholischen Kirche gibt, aber wir haben hier das große Glück, dass wir pastorales Personal haben, das sagt: ‚Ach macht mal.‘ Und erst wenn von der großen katholischen Kirche ein Machtwort gesprochen werden könnte, dann wird man ganz höflich zurückgerufen.“

WDR: Wie haben Sie sich dazu entschlossen, offen mit Ihrer Sexualität umzugehen?

Benedikt Getta: "Als ich den Zugang zu dieser Gemeinde gefunden hatte und dann auch begann, hier in irgendeiner Form aktiv zu werden, da habe ich das Thema angesprochen und zum Studentenpfarrer zu Herrn Hofnagel gesagt: ‚Pass mal auf, ich stehe übrigens auf Männer und nicht auf Frauen.‘ Und da hatte ich im Hinterkopf, wenn die Kirche und ihre momentane Stellung betrachte, dann ist Kirche vielleicht stärker auf mich angewiesen, als ich auf sie. Inzwischen hat sich das auch etwas relativiert, aber mit dieser Einstellung hat es sehr gut funktioniert.“

WDR: Sie hatten die Idee, den ersten Queer-Gottesdienst Bielefelds zu organisieren. Und vor Ihrer Kirche auf dem Klosterplatz hängt die Regenbogenfahne. Wieso sind Ihnen diese Zeichen wichtig?

Benedikt Getta: "Wir brauchen dieses öffentliche Symbol, weil es eine Meinung von Kirche gibt und diese Meinung sagt, queeres Leben ist in Kirche nicht erwünscht und ist in Kirche nicht möglich. Und ich habe für mich persönlich erfahren, es ist möglich, es ist sogar sehr gut möglich. Und dann ist es mein Anliegen, anderen zumindest das Angebot machen zu können und zu sagen: ‚Hey ihr könnt dieses Leben auch haben, wenn ihr euch danach sehnt.‘"

WDR: Auch wenn es in Ihrer Gemeinde anders läuft, aus Rom kommen immer wieder konservative Signale, wie das Segnungsverbot für gleichgeschlechtliche Paare. Ist das noch zeitgemäß?

Benedikt Getta: "Ich kann mein Auto segnen lassen und habe es auch schon getan. Da denke ich doch, wenn ein Mensch oder zwei Menschen diesen Segen haben wollen, haben die da mehr von als mein Auto. Das hat mit Hochzeit oder Ehe oder Sakrament noch nichts zu tun. Sondern man spricht nur jemandem den Segen zu und das war's dann. Das ist ein Schritt, den es in jedem Fall geben könnte und auch sollte."

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WDR: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern in der Katholischen Kirche?

Benedikt Getta: „Meine persönlichen Hoffnungen sind, dass dieser ganze Machapparat mal ausgedünnt wird, dass wir nicht so eine Riege von Herren haben, die über Ja und Nein und Gut und Falsch oder Verboten und Erlaubt entscheiden, sondern dass wirklich gesehen wird: Es gibt Menschen, denen ist Kirche noch wichtig. Und ob es jetzt eine Demokratisierung sein muss, das ist nochmal was anderes, aber dass zumindest eine Offenheit entsteht und nicht ein kategorisches Nein gesprochen werden kann."

Über den ersten queeren Gottesdienst in Bielefeld berichten wir am 18.06. in der Lokalzeit OWL um 19:30 Uhr.

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Stand: 18.06.2021, 09:37