Warum fiel der Kindesmissbrauch in Lügde nicht auf?

Warum fiel der Kindesmissbrauch in Lügde nicht auf?

Von Christian Zelle

  • Mutmaßliche Missbrauchsfälle hinterlassen viele Fragen
  • Achtjährige kam auf Wunsch der Mutter zum Tatverdächtigen
  • Jugendamt bemängelt lediglich Wohnsituation auf Campingplatz

Auf einem Campingplatz in Lügde sollen mindestens 23 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren missbraucht worden sein. Hauptverdächtiger ist ausgerechnet ein Mann, den das Jugendamt für geeignet hielt, die Rolle des Pflegevaters für ein heute achtjähriges Mädchen zu übernehmen. Wie ist das möglich?

Wie wurde der 56-Jährige Pflegevater?

Das Mädchen kam auf Wunsch der im Landkreis Hameln-Pyrmont lebenden Mutter zu dem Mann. Die Mutter habe ihn schon lange gekannt und beim Jugendamt einen entsprechenden Antrag gestellt, so eine Sprecherin des Landkreises. Das Verhältnis zwischen der Mutter und dem 56-Jährigen sei "verwandtschaftsähnlich".

Der Mann habe die Kriterien als Pflegevater erfüllt: "Personalfragebogen, Gesundheitszeugnisse, Schufa-Auskunft und erweitertes Führungszeugnis entsprachen den Erfordernissen", so die Sprecherin. Auch hätten sich bei einem Hausbesuch im Januar 2017 keine Anhaltspunkte ergeben, die dem Pflegeverhältnis entgegengestanden hätten.

Grundsätzlich können verheiratete, unverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare sowie Alleinerziehende und Alleinstehende ohne eigene Kinder die Betreuung eines Pflegekindes übernehmen.

Wie war wie die Wohnsituation?

Die Unterkunft auf dem Campingplatz habe einem "winterfesten Wochenendhaus" entsprochen, sagt das Jugendamt. Es habe einen eigenen Schlafbereich für das Kind gegeben, der in gutem Zustand und aufgeräumt vorgefunden worden sei.

Laut Jugendamt war die Wohnsituation "sicherlich nicht optimal, hat im Vergleich zu einer funktionierenden sozialen Bindung allerdings einen deutlich geringeren Stellenwert und ist kein Indiz für die Feststellung für eine Kindeswohlgefährdung".

Wurde die Pflegesituation regelmäßig überprüft?

Nach neuesten Hinweisen gab es 2016 erste Hinweise auf einen möglichen sexuellen Missbrauch. Das Mädchen sagte damals bei einem Besuch mit dem Pflegevater im Jobcenter, dass sie "Männer nicht mehr riechen" könne. Das Jobcenter schaltete das Jugendamt Lippe ein und von dort wurden die Kollegen in Hameln informiert.

Diese hätten die Wohnsituation bemängelt, sonst sei "alles in Ordnung" gewesen. Generell habe die Familienhilfe das Kind wöchentlich besucht - unter anderem weil sich die Mutter nicht mehr gemeldet habe. Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung habe es nicht gegeben. Auch liegen dem Jugendamt Informationen von der Schule vor, wonach sich das Kind gut entwickelt hat.

Wo lebt das achtjährige Mädchen jetzt?

Das Mädchen besucht nicht mehr die Schule in Lügde und wird derzeit nach Angaben des Hamelner Jugendamtes von einer Bereitschaftspflegefamilie betreut.

Stand: 31.01.2019, 20:17