Ehemann, Vater – und dann das Coming Out

Ehemann, Vater - und dann das Coming Out 05:29 Min. Verfügbar bis 17.05.2022

Ehemann, Vater – und dann das Coming Out

Georg Schulte aus Wenden ist ein Ehemann und liebender Vater von zwei Kindern. Offenbar das perfekte Familienleben. Bis vor zwei Jahren. Damals geriet die Idylle ins Wanken. Zum ersten Mal empfindet er etwas für einen Mann. Eine Situation, die sein bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellt.

WDR: Wann war Ihnen klar: "Ich bin schwul!"?

Georg Schulte: Das erste Mal, dass meine Gedanken ins Rollen gekommen sind, das war 2018. Da war ich mit ein paar Kumpels auf einem Junggesellenabschied. Wir sind Wasserski gefahren. Anschließend in der Umkleide war jemand, den ich sehr attraktiv und gut aussehend fand. Ich war ziemlich nervös. Ich konnte es überhaupt nicht einordnen. Aber ich habe gemerkt, da ist irgendwie eine Anziehung.

WDR: Was passierte dann?

Regenbogen-Flagge

Georg Schulte zeigt Flagge - auch vor der Haustür

Schulte: Seit dieser Begegnung habe ich jeden Tag viel nachgedacht. War auf der Suche nach einer Antwort. Ich habe versucht, mir heimlich Rat zu holen, Beratungshotlines für Schwule angerufen, war bei der AIDS-Hilfe in Olpe. Alles hinter dem Rücken meiner Frau. Zu dem Zeitpunkt war alles sehr nervenaufreibend. Ich konnte meine Gedanken, meine Gefühle nicht verstehen. War komplett überfordert.

WDR: Wie oft haben Sie über ein Coming Out nachgedacht?

Schulte: Sehr oft. Ab einem gewissen Zeitpunkt wollte ich einfach kein Geheimnis mehr draus machen. Doch die Angst vor dem Outing war einfach zu groß. Ich habe dann wirklich den ganzen Tag auf der Arbeit darüber nachgedacht und abends auf dem Nachhauseweg gedacht, "heute Abend sage ich es". Und dann kommt man nach Hause, die Kinder kommen einem entgegen gelaufen, begrüßen einen mit einem Lächeln im Gesicht. In diesem Moment zerreißt es dich innerlich. Es war ein täglicher Kampf. 

Am 17. Mai 2021 findet der Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie statt. Der weltweit als "International Day Against Homophobia" (IDAHO) bekannte Tag wird seit 2005 jedes Jahr am 17. Mai gefeiert. Mit diesem Tag sollen Respekt für Lesben und Schwule eingefordert werden. Das Datum wurde zur Erinnerung an den 17. Mai 1990 gewählt, den Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel strich.

WDR: 2019 dann das Coming Out. Wie ging es Ihnen danach?

Schulte: Ich kann jetzt nur für mich sprechen – das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ich bin glücklich jetzt – ich kann so sein wie ich bin und muss mich nicht verstecken – muss nichts geheim halten. Ich bin einfach glücklich mit dieser Entscheidung.

WDR: Im vergangenen Jahr hatten Sie Ihre erste Beziehung mit einem Mann. Eigentlich ein schönes Ereignis und doch wurde es überschattet?

Schulte: Ja, das stimmt. Erstmals wurde ich Opfer von Homophobie. Und das nicht nur einmal. Plötzlich hört man Beschimpfungen auf der Straße, sieht, wie Menschen vor deine Füße spucken – und das nur, weil du stolz auf deine Beziehung bist und mit deinem Partner Händchen hältst oder dich in der Öffentlichkeit küsst.

Vielfalt Olpe - Selbsthilfegruppe

Fahne und Flyer beim CSD in Olpe

Wenn ich früher mit meiner Frau Händchen haltend durch die Stadt gegangen bin, dann habe ich das nicht hinterfragt oder mir irgendwelche Gedanken gemacht, ob das schlimm sein könnte. Dass ich plötzlich darauf achten muss, wo ich Händchen halten kann und wo nicht. Das ist ein sehr merkwürdiges Gefühl, das wünsche ich keinem, dass man in der Öffentlichkeit dafür angefeindet wird, weil man nur Händchen hält oder sich nur einen Kuss gibt.

WDR: Die Erlebnisse haben Sie verändert. Seit Anfang des Jahres sind Sie Teil des CSD Verein Olpe. Was möchten Sie bewirken?

Schulte: Ich möchte einfach ein Klima in der Gesellschaft schaffen. Ein Klima, dass ich gerne vorgefunden hätte. Ein Willkommensklima der Akzeptanz der Community. Es muss sich was tun. Deshalb setze ich mich mit dem Verein für mehr Toleranz, mehr Akzeptanz unserer Community in der Öffentlichkeit ein. Wir sind auch nur Menschen und wollen auch nur akzeptiert werden.

Das Interview führte Elli Konstantinidis

Stand: 17.05.2021, 13:39