Die Welt aus der Sicht einer Blinden

Nahaufnahme: Blind durchs Leben 06:21 Min. Verfügbar bis 25.09.2021

Die Welt aus der Sicht einer Blinden

Von Elisabeth Konstantinidis

Für Anja Braun aus Siegen besteht die Welt nur aus Licht und Schatten. Sie ist von Geburt an fast blind. Im Interview erzählt sie uns, wie es sich anfühlt, blind zu sein und wie man als blinder Mensch seine Umwelt wahrnimmt.

"Ich habe als Kind wirklich gedacht, so wie ich sehe, hell dunkel und ein paar Konturen, so sieht jeder", sagt Anja Braun. Sie hat gelernt, mit dem Handicap zu leben. Heute ist Anja Braun Mutter von zwei Jungs. 

Ein selbstständiges Leben führen, das war immer ihr Ziel. Sie hat es geschafft. Mehr noch, sie hat sich den Traum vom Musikstudium erfüllt. 

WDR: Womit wirst du oft konfrontiert?

Blinde Frau aus Siegen erzählt aeus ihrem Leben

Einkaufen ist für Anja Braun Routine

Anja Braun: "Wenn ich nicht sehen könnte, wäre das für mich kein Leben. Wie soll das denn funktionieren? Kommst Du denn alleine zurecht mit den Kindern? Das sind so Sprüche und Fragen, die ich ganz oft höre. Es wird schnell mühsam, sich immer wieder erklären zu müssen."

WDR: Was glaubst du, wie nimmt dich die Gesellschaft wahr?

Braun: "Es ist eine Mischung aus Faszination und Distanz. Faszination - so nach dem Motto, die kann sich ja trotzdem und auch allein bewegen. Distanz, weil der Kontakt der Menschen sich oft nur auf Hilfestellungen reduziert.

Ich habe oft das Gefühl, man möchte wissen, wie mein Leben funktioniert. Man bietet auch gerne Hilfe an und wenn man das dann weiß oder die Hilfeleistung erfüllt ist, dann war's das in der Regel auch. Das ist es auch, was es mir oft erschwert, wirklich ernsthafte Freundschaften und Kontakt zu knüpfen."

WDR: Hast du das Gefühl, du hast gegenüber sehenden Menschen auch Vorteile?

Blinde Frau aus Siegen erzählt aeus ihrem Leben

Anja Braun beim Interview mit Elli Konstantinidis

Braun: "Ja schon. Natürlich würde ich es mir schon manchmal wünschen, einfach ins Auto springen zu können und mal schnell von A nach B fahren zu können. Dann hätte ich bei manchen Dingen nicht so einen hohen Organisationsaufwand.

Andererseits muss ich manche Dinge, die mir nicht gefallen oder auch Menschen, die mir nicht gefallen, die ich nicht mag, da bin ich ganz froh, dass ich die nicht sehen muss."

WDR:  Wie wichtig ist dir deine Selbstständigkeit? 

Braun: "Selbstständigkeit ist für mich enorm wichtig. Ich habe dank meiner Familie sehr früh, gelernt selbstständig zu sein. Sie haben es in jeder Phase meines Lebens immer gefördert. Doch ich weiß auch, das ist nicht selbstverständlich."

Es gibt auch blinde Menschen, die leider nicht in der Lage sind, selbstständig zu leben, weil es ihnen in der Kindheit vom Umfeld nicht möglich gemacht wurde. Bei mir ist es zum Glück anders gelaufen."

WDR: Du hast Musik studiert. Wie wichtig war dir dieser Schritt? 

Braun: "Musik ist für mich meine Berufung, Musik ist für mich mein Ventil, Ausgleich. Musik hat mich mein ganzes Leben lang schon begleitet. Die Möglichkeit Musik zu studieren, hat mir ermöglicht meine Fähigkeiten auch auf einer professionellen Ebene auszubauen."

WDR: Du bist aktiv im Bereich der Selbsthilfe tätig. Wie wichtig ist das Engagement? 

Braun: "Selbsthilfe darf nicht nur als Gesprächskreis gesehen werden. Nicht nur als Ort, an dem wir über unsere Probleme sprechen. Selbsthilfe sehe ich als Möglichkeit, aktiv mitzuwirken. 

Gemeinsam mit anderen Sehbehinderten möchten wir gerne als Partner der Gesellschaft wahrgenommen werden. Als Berater - gerade was den Straßenbau, Wohnungsbau oder Ähnliches angeht. Ich glaube, da kann Selbsthilfe sehr viel bewegen."

WDR: Was würdest du gerne den Menschen sagen? 

Braun: "Nehmt Menschen mit Handicap als Menschen wahr und nicht nur als Individuen, die anders sind oder die eine Einschränkungen haben. Und reduziert die Menschen, die eine Einschränkung haben, nicht auf ihre Einschränkung herunter und begründet aber auch nicht alles, was nicht läuft mit der Einschränkung."

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Stand: 25.09.2020, 11:50