Wieviel Hilfe ist tragbar

06:08 Min. Verfügbar bis 29.09.2023

Pflegefall nach OP: Mit Mut zurück ins Leben

Stand: 29.09.2022, 16:18 Uhr

Nach einer misslungenen Aneurysma-Operation erleidet Ralf Engelmann vor vier Jahren eine Hirnblutung. Seitdem ist er halbseitig gelähmt, sitzt im Rollstuhl.

Von Elisabeth Konstanidis

Für die Gesellschaft ist und bleibt er ein Pflegefall. Doch Ralf Engelmann sieht das anders. Der einstige Krankenpfleger fängt an, Hilfe zu hinterfragen - wie viel davon ist überhaupt notwendig? Im WDR-Interview gibt er Einblick in sein Leben, sein Schicksal und seinen Mut.

WDR: Wie hat sich Ihr Leben nach der Operation verändert?

Ralf Engelmann: Das Leben hat sich nicht verändert. Es ist halt nur komplizierter geworden. Heute brauche ich nur mehr Zeit. Viele denken, nur weil ich im Rollstuhl sitze, wäre hilfsbedürftig. Das ist aber nicht so.

Ich denke schon, dass ich willensstark genug bin und auch praxisorientiert um die Aufgaben, die der Alltag stellt, auch alle bewältigen zu können. Mit Anfang 50 muss man mir nicht erklären, wie das Leben funktioniert. Mein Körper ist vielleicht gehandicapt, nicht aber mein Kopf.

WDR: 25 Jahre waren Sie Krankenpfleger - bis zu der Operation. Wie haben Sie damals Hilfe gesehen?

Engelmann: Früher habe ich natürlich auch das Bedürfnis gehabt, das die Patienten, die ich betreut habe, größtmögliche Unterstützung bekommen, und ich fürchte aus heutiger Perspektive nachdem ich das auch als Patient erlebt habe, hatte ich selbst auch zu wenig Fokus auf die Ressourcen eines Patienten und war zu defizit-orientiert. Ich würde heute meine Rolle als Helfender etwas zurückfahren und würde die Leute deutlich mehr anleiten, selbstständig zu sein.

Ralf Engelmann: Willenstarker Kämpfer trotz Handicap

Rald Engelmann war Krankenpfleger. 25 Jahre lang hat er seinen Beruf ausgeübt, bis er selber krank wurde. Eine Aneurysma-Operation läuft schief. Er erleidet eine Hirnblutung. Seitdem ist er halbseitig gelähmt.

Auch wenn er auf den Rollstuhl angewiesen ist, will er, der jahrelang gehandicapten Menschen geholfen hat, nicht ewig auf Hilfe angewiesen sein, sondern sein Leben selbstständig gestalten.

WDR: Warum?

Engelmann: Es steigert ungemein das Selbstwertgefühl. Und das ist enorm wichtig für die Heilung. Denn ein Handicap kann leider dadurch intensiver werden, das man sich daran gewöhnt, ständig Hilfe zu bekommen und von daher auch die Energie, die man da reinsetzt, selbstständig zu sein, reduziert. Ein Teufelskreis, aus dem man nur ausbrechen kann, indem man versucht, selbstständig zu werden.

WDR: Wie sehen Sie heute Hilfe?

Mann lächelt in die Kamera

Ralf Engelmann hat sich nie aufgegeben

Engelmann: Tatsächlich ist es leichter, Hilfe zu bekommen, als wenn man Hilfe hat, sie wieder loszuwerden. Denn die meisten Menschen reagieren sehr empfindlich darauf, wenn man ihnen signalisiert, dass man auf Hilfe nicht mehr angewiesen ist.

Die meisten Menschen haben versucht, mich davon zu überzeugen, dass ich doch Hilfe brauche und haben aufgrund meines Krankheitsbildes mir nicht zugetraut, ganz bestimmte Dinge selber machen zu können. Doch genau das Gegenteil habe ich Ihnen bewiesen. Ich finde, wenn man an sich selber glaubt und davon überzeugt ist, dass etwas funktionieren kann, sollte man es einfach tun und sich nicht davon beirren lassen.

WDR: Was würden Sie gerne anderen mit auf den Weg geben?

Person im Rollstuhl

Mitten im Leben trotz Rollstuhl

Man muss sich selbst neu entdecken. Und vor allem sich Zeit nehmen. Das ist das Wichtige daran. Man muss auch mal aus dem Rahmen fallen, auch auf die Gefahr hin, dass man andere Menschen enttäuscht oder verletzt. Aber man muss bei sich selbst bleiben, damit man seinen eigenen Weg aus so einer Katastrophe findet.

Denn nur der eigene Weg aus einer Katastrophe heraus kann nur der Richtige sein, ganz gleich, was einem andere Leute einem sagen. Hilfe, die sinnvoll ist, muss immer als Ziel haben, sich selbst überflüssig zu machen. Damit die Hilfe dazu dient, dass jemand selbstständig ist und nicht alles gemacht bekommt.

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.