Franz Müntefering im Interview zu seinem 80. Geburtstag

Franz Münteferings 80. Geburtstag 03:19 Min. Verfügbar bis 16.01.2021

Franz Müntefering im Interview zu seinem 80. Geburtstag

SPD-Urgestein Franz Müntefering feiert am Donnerstag (16.01.2020) seinen 80. Geburtstag. Im Interview mit dem WDR spricht der gebürtige Sauerländer über seinen Geburtstag und das Älterwerden.

WDR: Ihnen hat doch bestimmt heute schon ganz Berlin gratuliert, oder?

Franz Müntefering: Viele jedenfalls. Wir hatten schon einen kleinen Empfang bei der Bundestagsfraktion. Da sind eine Menge Freunde und Kolleginnen und Kollegen dagewesen. Das kann ich gerne den ganzen Tag noch ertragen.

Franz Müntefering wurde am 16. Januar 1940 geboren. Er wuchs in Sundern im Sauerland auf. Mit 26 Jahren trat Müntefering in die SPD ein. Danach ging es steil bergauf. Müntefering war NRW-Arbeitsminister in der Regierung Rau, erst Bundesverkehrsminister in der Regierung Schröder, dann Arbeitsminister und Vizekanzler unter Angela Merkel. 2004 wurde er erstmals Bundesvorsitzender der SPD.

WDR: Hilft es vielleicht ein Stück weit, dass Sie Sauerländer sind und sowieso von Ihnen keiner die ganz langen Reden erwartet?

Müntefering: Das kann man so gar nicht sagen. Aber ich habe mich immer bemüht, dass die Menschen verstehen, was ich sage. Und ich weiß von mir selbst: Wenn ich jemanden gegenüber habe, der allzu lange Sätze macht, dann weiß man nicht mehr so genau, was er eigentlich meint.

WDR: Ihr großes Thema im Moment, das Alter und wie wir mit Älteren umgehen – warum ist Ihnen das so wichtig?

Franz Müntefering vor seinem 80. Geburtstag

Franz Müntefering einige Tage vor seinem 80. Geburtstag

Müntefering: Ich meine, dass Demokratie eine Lebensform ist und eben nicht nur der verfasste Staat. Das heißt, jenseits dessen, was Bundestag, Bundesrat und Gerichtsbarkeit ausmachen, kommt es sehr darauf an, wie die Menschen miteinander leben. Ich bin jetzt in der Altersklasse, in der man viel mit Menschen zu tun hat, die 65 und darüber sind. Und man muss sich Gedanken darüber machen: Wie ist das im Älterwerden? Was kann man tun, um gesund und fit zu bleiben? Um soziale Kontakte zu haben und einigermaßen erträglich älter werden zu können? Man kann Einfluss nehmen.

Das Interview führte Janine Breuer-Kolo.

Müntefering wird 80 - ein Politiker-Leben in Bildern

Von Martin Teigeler

Er war SPD-Chef, Vizekanzler und Bundesarbeitsminister - aber die politischen Wurzeln von Franz Müntefering liegen in NRW. Der Sauerländer wird 80 Jahre alt.

Franz Müntefering in der Fußballmannschaft des Deutschen Bundestags

Geboren wurde Franz Müntefering 1940 im Sauerland: aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, Volksschule, Lehre zum Industriekaufmann. Franz Müntefering hatte ein ganz normales (Berufs-)Leben, bevor er in den 1970er-Jahren eine politische Laufbahn startete. 1975 wurde er in den Bundestag gewählt. Auf dem Foto steht er ganz links - 1982 im Fußballteam des FC Bundestag.

Geboren wurde Franz Müntefering 1940 im Sauerland: aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, Volksschule, Lehre zum Industriekaufmann. Franz Müntefering hatte ein ganz normales (Berufs-)Leben, bevor er in den 1970er-Jahren eine politische Laufbahn startete. 1975 wurde er in den Bundestag gewählt. Auf dem Foto steht er ganz links - 1982 im Fußballteam des FC Bundestag.

Im Dezember 1992 beruft ihn Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) als Arbeitsminister in die NRW-Landesregierung. Es ist die Zeit, als die SPD in Nordrhein-Westfalen mit absoluter Mehrheit regiert. Das Bild zeigt die Vereidigung des neuen Ministers im Düsseldorfer Landtag.

Nach der Landtagswahl im Mai 1995 wird "Münte" erneut von Rau ins Landeskabinett geholt. Statt einer SPD-Alleinregierung gibt es erstmals Rot-Grün in NRW. Der Mann mit dem rollenden "R" wird sogar als möglicher Rau-Nachfolger gehandelt.

Im Oktober 1995 wechselt Müntefering von Düsseldorf nach Bonn (auf dem Bild rechts, neben ihm Hans Eichel). SPD-Chef Rudolf Scharping holt ihn als Bundesgeschäftsführer in die Parteizentrale. Scharping wird wenige Wochen später von Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer Parteitag gestürzt - doch Müntefering bleibt in der Bundespolitik. Damals ist die SPD schon viele Jahre in der Opposition. Kanzler Helmut Kohl (CDU) regiert.

Mit 98,7 Prozent Zustimmung wählen die Delegierten eines SPD-Landesparteitags in Düsseldorf Franz Müntefering (l.) im Mai 1998 zum Landesvorsitzenden. Er tritt die Nachfolge von Johannes Rau (M., rechts: Wolfgang Clement) an. Längst hat sich der Sauerländer zu diesem Zeitpunkt einen Ruf erarbeitet. Der Chef des bundesweit mitgliederstärksten SPD-Bezirks Westliches Westfalen gilt als Parteisoldat und als bodenständiger Politiker mit klaren kurzen Sätzen.

Gerhard Schröder und Franz Müntefering prägen die SPD rund um den Jahrtausendwechsel. 1998 und 2002 gewinnen die Sozialdemokraten die Bundestagswahlen. Doch auf Wahlsiege folgen harte rot-grüne Regierungsjahre. Der ruhige Organisator Müntefering dient Kanzler Schröder erst als Bundesgeschäftsführer und Generalsekretär, kurzzeitig als Bundesverkehrsminister, später als Partei- und Fraktionschef, der den SPD-Laden mit seiner Autorität zusammenhalten soll.

Mai 2005 - ein politisches Erdbeben: Die CDU gewinnt die Landtagswahl in NRW. Jürgen Rüttgers wird Ministerpräsident. Ein Grund für die SPD-Wahlpleite: der Richtungsstreit über Schröders Agenda 2010, vor allem Hartz IV. Müntefering verteidigt Schröders Kurs an der Parteibasis. Am Abend des NRW-Wahldebakels rufen beide überraschend Neuwahlen im Bund aus. Die Union gewinnt im Herbst 2005 knapp - trotz SPD-Aufholjagd. Schröder muss gehen. Müntefering bleibt.

Nach harten Verhandlungen kommt es 2005 zu einer Großen Koalition. Unter der neuen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird Müntefering Vizekanzler und Bundesarbeitsminister. Inhaltlich setzt er den innerparteilich umstrittenen Kurs von Schröder fort - etwa bei der Rente mit 67.

Sein Amt als Arbeitsminister legt Müntefering im November 2007 nieder, um sich um seine krebskranke Frau Ankepetra zu kümmern. 2008 stirbt Ankepetra Müntefering. Nach ihrem Tod wagt Müntefering ein politisches Comeback. Er wird noch einmal SPD-Vorsitzender - als Nachfolger des zurückgetretenen Kurt Beck.

Nach der schweren SPD-Niederlage bei der Bundestagswahl 2009 klingt die Laufbahn von Franz Müntefering (hier bei einer Fraktionssitzung neben Ex-Kanzler Helmut Schmidt) dann aus. Bis 2013 gehört er noch dem Bundestag an - als einfacher Abgeordneter.

Der rote Schal und kurze Sätze - das bleiben die Markenzeichen von Müntefering. Als Wahlkampf-Zugpferd bleibt er bei seinen Genossen beliebt. Hannelore Kraft, von 2010 bis 2017 Ministerpräsidentin von NRW, tritt oft gemeinsam mit ihm auf.

2009 heiratet er Michelle Schumann, die seit 2013 SPD-Mitglied im Bundestag ist - und seit März 2018 Staatsministerin im Auswärtigen Amt. "Für mich ist Michelle eine große Chance, selbst mitten im Leben zu bleiben und aktiv", sagt er in einem Interview über die Ehe mit der über 40 Jahre jüngeren Frau. Auch im Alter meldet sich Müntefering regelmäßig in gesellschaftlichen Debatten zu Wort.

Stand: 16.01.2020, 18:23