Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2019 Teil II)

Die Angeklagten Mario S. (l) und Andreas V. stehen im Gerichtssaal des Landgerichts

Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2019 Teil II)

Am 5. September 2019 geht der Prozess gegen Andreas V. und Mario S. zu Ende: Die Angeklagten werden wegen 223 bzw. 48 Fällen schweren sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen.

September 2019: Im Prozess um den hundertfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde hat das Gericht am Donnerstag (05.09.2019) gegen Andreas V. und Mario S. hohe Haftstrafen verhängt und anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet. Das Landgericht Detmold verurteilte einen der Männer zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren, der andere erhielt zwölf Jahre.

Urteil im Lügde-Prozess: Lange Haft für beide Angeklagte WDR aktuell 05.09.2019 Verfügbar bis 30.12.2099 WDR Von Thorsten Knape

August 2019: Die Verteidiger haben am Freitag (30.08.2019) ihre Plädoyers gehalten. Der Verteidiger des angeklagten Dauercampers Andreas V. beantragte dabei eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren.

Der Vertreter des zweiten Angeklagten, Mario S., stellte keinen konkreten Strafantrag vor dem Landgericht Detmold. Er habe angesichts des Geständnisses seines Mandanten um ein "möglichst großes vertretbares Entgegenkommen" gebeten, so der Verteidiger.

Am Freitag (16.08.2019) fordert die Staatsanwaltschaft für die beiden Angeklagten hohe Haftstrafen und danach Sicherungsverwahrungen. Bei Andreas V. (56) plädiert sie für eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren, bei Mario S. (34) für zwölf Jahre und sechs Monate. Das unterschiedlich hohe Strafmaß ergebe sich aus der individuellen Schuld der Angeklagten. Dass beide gestanden haben und nicht vorbestraft sind, habe sich strafmildernd ausgewirkt.

Mehrere Opfer haben am Donnerstag (15.08.2019) über ihre große Angst vor den Angeklagten berichtet. Eine Anwältin berichtet, ihre Mandantin habe große Sorge, dass der "Adi" aus dem Gefängnis ausbrechen könnte.

Am Donnerstag (01.08.2019) hat das Landgericht Detmold Fotos und Videos von den Taten gezeigt. Dabei ging es um Bilder, die der Angeklagte Mario S. gemacht hatte. Nach Angaben von Nebenklagevertreter Peter Wüller war auf den Videos unter anderem der Missbrauch eines sechsjährigen Opfers durch den heute 34-Jährigen zu sehen.

Juli 2019: Die frühere Pflegetochter (8) des Hauptangeklagten sagt am Freitag (12.07.2019) als Zeugin aus. Im Wesentlichen habe sie die Aussagen bestätigt, die sie schon bei der Polizei gemacht habe, erklärt ihr Anwalt Cornelius Pietsch. Fünf Tage später (17.07.2019) fällt ein erstes Urteil: Heiko V. erhält eine zweijährige Bewährungsstrafe.

Am Donnerstag (04.07.2019) wird bekannt, dass es einen weiteren Beschuldigten gibt. Es ist ein 57-Jähriger aus Steinheim bei Höxter. Die Ermittler hatten die Parzelle des Mannes auf dem Campingplatz durchsucht. Er bleibt aber auf freiem Fuß.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagt im Landtags-Innenausschuss, es sei offen, ob es Bezüge zu den bisher bekannten Sachverhalten im Fall Lügde gebe oder "ob es ein völlig eigenständiger Sachverhalt ist".

Juni 2019: Einen Tag vor Prozessbeginn zum Missbrauchsfall von Lügde (26.06.2019) setzen die Landtagsfraktionen von CDUFDPSPD und Grünen einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu dem Thema ein. "Dieser Untersuchungsausschuss soll alle Umstände des massenhaften Kindermissbrauchs lückenlos aufklären. Das sind wir den Opfern und deren Angehörigen schuldig", so die Fraktionsvorsitzenden.

Zehn Tage (17.06.2019) vor dem geplanten Prozessbeginn geht beim Landgericht Detmold eine Anklage gegen einen vierten Verdächtigen ein. Der Mann soll ebenfalls ein Opfer auf dem Campingplatz "Eichwald" missbraucht haben. Da er zum Tatzeitpunkt noch keine 18 Jahre alt war, muss das Jugendschöffengericht darüber entscheiden, ob die Anklage zugelassen wird.

Die Anklagen gegen die drei bisherigen Verdächtigen hatte das Landgericht Detmold bereits fünf Tage zuvor zugelassen (12.06.2019). Dem 56-jährigen Hauptbeschuldigten und seinen zwei mutmaßlichen Komplizen aus Steinheim (34 Jahre) und Stade (49 Jahre) wird sexueller und schwerer sexueller Kindesmissbrauch in mehr als 300 Fällen vorgeworfen.

Nachdem die Anklage erhoben wurde, reduziert das Innenministerium die 80-köpfige Ermittlungsgruppe auf 53 Mitglieder.

Weiterer Prozess möglich

Noch bevor der Prozess gegen die drei Angeklagten in den Missbrauchsfällen in Lügde Ende Juni (27.06.2019) beginnt, schließt der ermittelnde Oberstaatsanwalt Ralf Vetter einen zweiten Prozess nicht aus. "Wir haben immer noch eine Unmenge an Spuren und Hinweisen, die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen", so Vetter.

Bei der Staatsanwaltschaft Detmold werden nach Informationen des Innenministeriums Verfahren gegen 22 weitere Personen geführt, die ebenfalls im Rahmen der Missbrauchsfälle beschuldigt werden. Darunter sind auch zwei Polizeibeamte und acht Behördenmitarbeiter.

Mai 2019: Angehörige der betroffenen Kinder kritisieren die Opferschutzbeauftragte des Landes NRW, Elisabeth Auchter-Mainz. Sie hatte die Familien angeschrieben und die Briefe mit Kuverts versendet, auf denen der Absender lesbar war.

Die Briefe, in Umschlägen mit dem Absender "Opferschutzstelle", verletzten fahrlässig die Intimität der betroffenen Kinder und ihrer Familien, sagte der Opferanwalt Peter Wüller dem WDR (26.05.2019).

Weiterer Tatort in Thüringen

Das Magazin "Der Spiegel" berichtet von einem möglichen weiteren Tatort an einem See im thüringischen Nordhausen (24.05.2019). Ein ehemaliger Tauchkamerad berichtete offenbar, dass der Dauercamper aus Lügde zu den Urlauben immer minderjährige Kinder mitgebracht und diese als Nachbarskinder ausgegeben habe.

Zudem geht aus dem Abschlussbericht der Polizei hervor, dass auf dem Campingplatz in Lügde Kinder dazu gezwungen worden seien, andere Kinder zu missbrauchen. Nach Medienberichten (13.05.2019) soll ein Kind eine Aussage bei der Polizei Bielefeld gemacht haben. Der Hauptbeschuldigte soll die Taten angewiesen und gefilmt haben. Es sollen auch Kinder dabei gewesen sein, während andere Kinder vergewaltigt worden sein sollen - sie mussten zusehen.

Versagen bei Missbrauchsfällen in Lügde

Stand: 06.09.2019, 15:03